Sternschnuppen der Menschheit

Retro-Fun

Neben der DHL-Packstation in meiner Straße entdeckte ich eines nachts eine Passfotokabine, wie man sie sonst nur noch auf Amtsfluren findet – dort also, wo sie Sinn ergeben. Weil das hier auf den ersten Blick eher nicht der Fall ist, hat man den Sinn draufgeschrieben, in Fraktur und mit doppeltem ‚ph’: „Photographiere Dich selbst!“ Kaum, dass ich staunend davor stand, bog auch schon ein grässlich verliebtes Pärchen um die Ecke. Die Beiden lachten, knutschten und blitzten immer wieder mit erhobenen Handys auf sich herab. Direkt neben mir blieben sie stehen. „Ein Fotoautomat! Ist ja retro!“ quietschte die junge Dame verzückt. Und als ich sie wenig später mit ihren Schwarzweißbildern davonturteln sah – „Cool! Die sind richtig auf Papier! Und ganz ohne Farben!“ – da fragte ich mich, ob ich, wenn nur erst die Handys gelernt hätten Brot zu toasten, nicht mit alten Toastern reich werden könnte. „Toaste Dein Brot!“ würde ich draufdrucken lassen, am besten total retro in Mittelhochdeutsch: „brâte din brôt!“      

Zahnmedizinische Erkenntnisse

Bei einem ebenso dreistündigen, wie schmerzgetriebenen Umhertigern im Wartezimmer meines Zahnarztes war es, dass mir die Frage kam, warum Patienten ohne Schmerzen aber mit Termin grundsätzlich früher drankommen, als Patienten mit Schmerzen aber ohne Termin. Würden Krankenhäuser nach dem selben Muster verfahren, dachte ich mir, wären ihre Notaufnahmen doch bald Leichenhallen. Als ich doch noch aufgerufen wurde, ließ ich meinen Zahnarzt sofort an dieser bahnbrechenden Erkenntnis teilhaben, woraufhin er mir einige erschütternd wirkungslose Spritzen in den Gaumen rammte und so lange am entzündeten Zahn herumbrach, bis meine Schreie wohl geschäftsschädigend wurden. Dann gab er auf und schickte das heulende Wrack mit dem nur halb gezogenen Zahn nach hause. In der Nacht kam mir dann zwischen den Fieberschüben die Frage, ob es wirklich der Sinn eines Arztbesuches sein sollte, dass nachher alles fürchterlicher ist als vorher, und ob die Dentalmedizin nicht auch hier dringend umdenken müsste. Aber diese Überlegung behalte ich lieber für mich. Aller Fortschritt braucht seine Zeit, und zum Märtyrer tauge ich einfach nicht.

In der U-Bahn

Das gleichförmige Rattern der U-Bahn. Die ebenso gleichförmigen Gesichter der Mitreisenden. Dunkle Tunnelwände. Langsam fallen die Augen zu. Da – plötzlich – ertönt diese nasale Stimme: „Sehr verehrte Damen und Herren, entschuldigen Sie bitte die Störung! Der Herr mit den fauligen Zähnen neben mir heißt Horst und hat hier bis vor kurzem die Obdachlosenzeitung ‚Die Stütze’ verkauft. Dafür musste er sich stundenlang unterhalb seiner geliebten 3-Promille-Marke halten, und Sie mussten seinen höllischen Odem riechen, wenn er sich über Sie beugte. Diese Zeiten sind vorbei. Als arbeitsloser Sozialarbeiter habe ich auf 1-Euro-Basis die Einzelfallbetreuung von Horst übernommen. Dieses neue Projekt heißt ‚Einer für Einen, Alle für Deutschland’ und ist eine gemeinsame Initiative der Agentur für Arbeit und des Vereins ‚DadU – Dreck aus der U-Bahn e.V.’. Um olfaktorische Belästigungen zukünftig in Grenzen zu halten, akzeptieren wir Horsts Selbsteinschätzung als asoziales Subjekt, das nur in stark sediertem Zustand erträglich ist und bekennen uns gleichzeitig zu unserer Fürsorgepflicht. Deshalb stehe nun ich hier, um Ihnen die Obdachlosenzeitung ‚Die Stütze’ zu verkaufen. Das steigert Horsts Umsatz und hebt seine allgemeine Lebensqualität auf den Promillespiegel seiner Wahl. Womit sich die Situation auf dieser Linie nicht nur für Sie, sondern auch für Horst verbessert hat. Damit sich auch für meine Lebenssituation Vorteile ergeben, war es allerdings nötig, den Preis der Obdachlosenzeitung ‚Die Stütze’ ein wenig anzuheben. Sie kostet nun glatte fünf Euro, wovon 1 Euro an Horst geht, 1 Euro an die Redaktion, 1 Euro an mich und 2 Euro an den privaten Arbeitsvermittler, der mich im Auftrag des Job-Centers hierher vermittelt hat …“ Und beim Aussteigen dann diese Unsicherheit, ob es wirklich ein Traum war …

Intelligente Haltestelle

Ein Gespenst geht um in den Großstädten: Die 'intelligente Haltestelle'. Entwickelt von der Wall AG, die sich schon mit selbstreinigenden Toiletten einen gewinnträchtigen Namen machte, ist die ‚intelligente Haltestelle’ inzwischen so was wie ein Kulminationspunkt weltbürgerlichen Lifestyles geworden, unser aller Tor in eine bessere Zukunft. Die ‚intelligente Haltestelle’ verfügt über leuchtende Laufschriften, mit denen sie uns nicht nur immer wieder mitteilt, dass sie eine intelligente Haltestelle ist, sondern diese Intelligenz auch beweist, in dem sie uns Uhrzeiten und Daten nachliefert, aus Zeitzonen und exotischen Kalendern, von deren Existenz wir nie etwas ahnten. Es ist eine Freude beispielsweise am Montag den 6. April um 10:30 Uhr in der ‚intelligenten Haltestelle’ zu stehen und seinen Geist zu trainieren, in dem man versucht, zu ergründen, wo genau es jetzt wohl Donnerstag der 8. April und 14:11 Uhr sein könnte. Wem das nicht reicht, für den gibt es ‚Blue Spots’, die so heißen, weil sie blaue Knöpfe haben und die ansonsten aussehen wie ein Weltraumklo. Dort könnte man telefonieren, wenn man eine dafür geeignete Kreditkarte besäße, und man könnte sogar frei im Internet surfen, wenn man nur wüsste welche Seiten anzusteuern sind. Denn natürlich ist alles was jugendgefährdend sein könnte gesperrt – meine Seite zum Beispiel, aber auch BILDonline, SPIEGELonline und alle anderen Seiten mit denen ich es versuchte. Schade eigentlich. Trotzdem: Die ‚intelligente Haltestelle’ ist ein echtes Highlight, auch abseits ihrer technischen Ausstattung. Um sie in ihrer vollen Intelligenz genießen zu können, empfehle ich einen Besuch im Regen. Ihre geschickt ausgesparten Seitenwände und das volle fünfzig Zentimeter vorstehende Dach in knapp drei Meter Höhe machen dieses Erlebnis unvergesslich. Denn, wenn nicht der unglaubliche unwahrscheinliche Umstand auftritt, dass der Regen in präzisem 90 Grad-Winkel zu Boden fällt, steht man schon bald klatschnass in der ‚intelligenten Haltestelle’, und kann so – je nach Wartezeit – irgendwann einen fiebrigen Blick in die Zukunft werfen, die uns bereitet wird. Und plötzlich wird man begreifen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass alles eben immer besser wird, bis es irgendwann richtig toll ist.

Liebe und Arbeit

Kürzlich brillierte RTL mit einer einfühlsamen mehrteiligen Dokumentation aus dem horizontalen Gewerbe. Zu sehen war das junge Hartz IV-Pärchen Ronny (tatsächlich!) und Janine (wie sonst?) aus Marzahn (wer hätte es gedacht?). Ronny hatte sich überlegt, dass Janine doch immer so viel Spaß am Sex hat und damit also auch die Haushaltskasse aufbessern könnte, statt ihm ständig auf den Wecker zu gehen, wenn er mit seinen Kumpels am Computer Leute totschießt. Janine meinte, dass Ronny immer die besten Ideen habe und schon wisse was für sie gut ist. RTL fand das augenscheinlich auch und begleitete Janine zu ihrer ersten Arbeitsnacht. Ein freundliche Puffmutter gab dem Mädchen Negligé und Preistabelle, und schon war der erste Freier zur Stelle. Da es sich jedoch um eine Vorabend-Doku handelte, durfte das Kamerateam leider nicht mitschneiden, wie dieser Herr der zarten Janine aus Marzahn im Folgenden sein Ding in sämtliche größeren Körperöffnungen rammte. Erst bei Janines anschließendem Heulkrampf wurde wieder draufgehalten. Die Puffmutter meinte, aller Anfang sei eben schwer, wurde dann aber doch recht sauer, als sie feststellte, dass Janine das alles komplett ungeschützt durchgezogen hatte. Eine Kollegin lieh dem Mädchen ein paar Kondome und unterwies es in aller Kürze in der Benutzung. Dann war der nächste Herr zur Stelle. Ende der ersten Folge. In den weiteren Episoden verlernte Janine das Heulen, entdeckte Gleitcremes und andere Kniffe, freundete sich mit ihren Kolleginnen an und erklärte schließlich, wie glücklich sie sei, ihren Lebensunterhalt fortan ohne Arbeitslosengeld bestreiten zu können. Nur Ronny war ein bisschen mürrisch, weil seine Janine zuhause jetzt manchmal keinen Bock mehr auf Sex hatte. Aber eine neue Playstation half auch darüber hinweg. Happy End. 

Hotline-Theologie

Glauben ist blöd, muss aber nicht zwangsläufig zur Gefahr werden. Man denke nur an all die Millionen Menschen die tagtäglich und auch jetzt gerade, in diesem Moment, ebenso sinn- wie folgenlos mit Hotlines telefonieren. Ob Stromversorger, Telefonanbieter oder eben Job-Center – es gibt einfach keine Ansprechpartner mit Durchwahlnummern mehr, und das ist genial. Konnte man früher ein Anliegen mit einem zweiminütigen Anruf erledigen, wartet man heute mindestens zwanzig Minuten, bevor man zu einer vage angelernten Hilfskraft mit begrenztem Computerzugang durchgestellt wird, die einem bestenfalls einen Termin in zwei Wochen klarmachen kann oder schlimmstenfalls einen Rückruf verspricht, der garantiert dann erfolgt, wenn man gerade nicht zuhause ist. Genial ist das nicht nur deswegen, weil so gewaltige Überschüsse unnützer Lebenszeit zuverlässig entsorgt werden. Es ist vor allem genial, weil es den Menschen ihren Glauben an ein größeres Ganzes, an einen lenkenden Willen zurückgibt. Die staatliche Bürokratie der letzten zwei Jahrhunderte hatte immer Mühe, diesem Urtraum gerecht zu werden, ganz egal, wie sehr sie sich hinter bizarren Öffnungszeiten und Formularen verbarg. Am Ende verkehrte man doch immer mit leibhaftigen Personen. Mit der Privatisierung und ihren allgegenwärtigen Hotlines aber ist endlich Gott zu den Menschen zurückgekehrt. Der Anruf bei einer Hotline ist ein Stoßgebet an einen ebenso allmächtigen wie unberechenbaren Big Father. Das Herumtänzeln zur Warteschleifenmusik ersetzt das Hinknien und Bekreuzigen, bevor schließlich eine wesenlose (Maschinen-) Stimme Empfangsbereitschaft für alle Sorgen und Probleme signalisiert. Den abschließenden Klingelbeutel füllt die Telefonrechnung. Und so, wie es den Menschen im Mittelalter nichts ausmachte, dass Gott zwar immer zuhört, aber niemals wirklich eingreift, erwarten auch wir letztlich nichts von unserem Anruf und tun es trotzdem immer wieder. Fazit: Es gibt keine sinnvolleren Religionen, aber viele die gefährlicher sind.

Noch mal U-Bahn

Manchmal muss man U-Bahn fahren, um tiefere Zusammenhänge erklärt zu bekommen. Wie diesen hier zum Beispiel:
„Haste gehört? Die in Warschau woll’n Jesus jetzt per Gesetz zum König von Polen machen!“
„Welchen Jesus?“
„Na, wie viele Jesusse kennste denn? Jesus Christus, Mensch!“
„Krass. Vom Gottessohn zum Polenkönig degradiert. Die müssen den ja echt hassen, die Polen.“
Eindeutig. Aber ich wäre selber nie drauf gekommen.

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