Was danach geschah

Wir harrten aus, hielten durch, unlösbar die Rücken in die Sessellehnen gepresst. Kaffee hatten wir noch, aber der war so kalt und so bitter, dass wir ihn wohl noch lange haben würden. Natürlich hätten wir neuen kochen können und uns Brote schmieren, gegen den Hunger. Aber soviel wussten wir, dass wir nicht aufstehen durften und umhergehen, schon gar nicht die Kajüte verlassen.
Zu reden hatten wir nur noch wenig, nach all der Zeit. Dabei hätte uns das so gut ablenken können von den Schmerzen in unseren Wirbelsäulen, die sicher schon tiefe Mulden in die Rückenlehnen unserer Sessel gruben. Auch die Köpfe taten uns weh, weil diese Lehnen so gerade und hoch waren, dass wir die Schädel nicht nach hinten wegkippen konnten, sie ablegen, die Nackenmuskeln entspannen. Längst waren alle Stränge so verhärtet, dass es sich anfühlte, als ob sich unsere Sehnen verkürzten. Vielleicht brauchten wir bereits ärztliche Hilfe. Aber die würden wir nicht bekommen. Wir durften ja nicht aufstehen.
Auch in den Zähnen tat es schon weh. Aber ob das ein eigener Schmerz war, oder nur der Nacken in den Kiefer strahlte, wer weiß?
Meistens schwiegen wir nun oder stellten gemeinsame Fragen.
Waren da nicht noch welche gewesen die Gold machen wollten, unten im Rumpf? – fragten wir uns.
War da nicht einer, der Essen hatte holen wollen, aus der Kombüse? –
fragten wir uns.
Hatten wir uns nicht irgendwann einmal bewegen können?
Hatte es nicht ein Ziel gegeben?
Das alles fragten wir uns immer wieder, das und noch viel mehr. Endlose Fragenlisten. Dicke, handgesetzte und in Leder eingebundene Fragekataloge, mit alphabetischen Frageanfangsverzeichnissen, die Unsicherheiten enthielten wie diese:
Warum haben wir alles verloren?
Wann ist es uns entglitten?
Gibt es noch Möglichkeiten?
Gab es je Möglichkeiten?

Diese Fragen und Abertausende andere und zusätzliche Abertausende von Variationen fielen uns im Sekundentakt wie Wassertropfen durch den Kopf. Von irgendwo oben nach irgendwo unten, wo sie in Listen aufgefangen wurden. Die Listen wurden dann zu Büchern gebunden und in hohe Regale sortiert, in denen sie mit jedem neuen Buch weiter nach oben wanderten. Und ganz oben dann, lösten sie sich wieder auf und regneten Frage für Frage erneut herab.
Wo bleiben eigentlich die Brote?
Müsste das Gold nicht längst fertig sein?

Ja, Gold hatten wir machen wollen. Auch dann noch, als das Boot schon längst abgelegt hatte, mit uns darauf. Als wir uns in die Warteschleife begeben hatten, in der wir nun Tag für Tag weiter dahindümpeln.
So sitzen wir immer noch. Und alles tut weh. Und Dunkelheit klebt an den Bullaugen. Und hat dort schon geklebt, als wir aufbrachen. Und ist uns geblieben.
Vermutlich sind wir schon recht lange unterwegs, denn ein modriger Geruch umhüllt uns, und ein nicht zu dünner Wasserfilm bedeckt längst den Boden der Kajüte.
Deshalb haben wir Körbe geflochten, aus Drähten und Schnüren und unseren Gürteln sogar. Die Körbe haben wir an den Deckenbalken befestigt und unsere Sessel in den Körben, dass wir wenigstens keine feuchten Füße bekommen.
Aber auch das ist schon wieder so lange her, dass es schwierig wird sich an den ursprünglichen Zustand der Kajüte zu erinnern, mit all den Sesseln die hier herumstanden und all den Menschen in den Sesseln.
Die Menschen waren einer nach dem anderen hinunter in den Rumpf gegangen, um das Gold zu machen. Irgendwann war das gewesen. Und irgendwann danach war diese schmutzige Brühe aus dem Boden gequollen, und wir hatten die Körbe flechten müssen. Sechs Körbe. Für die, die oben geblieben waren.
Manchmal hören wir noch die Stimmen der Anderen im Rumpf. Sie singen Lieder, deren Worte wir nicht verstehen, aber der Tonfall erreicht uns doch.

Dann, in einem anderen, späteren Irgendwann war da plötzlich dieser Hunger gewesen, der aus den Tiefen unserer Eingeweide hervorgrummelte, bis uns ganz übel davon wurde.
Da hatten wir beschlossen, dass einer in die Kombüse da unten würde gehen müssen. Und weil es keinen Freiwilligen gab, streckten wir die Fäuste aus, wie früher, und riefen "schnick – schnack – schnuck!".
Und so klafft nun ein leerer Korb zwischen fünfen, in denen weiterhin welche sitzen. Denn die Brote kamen nicht, und an den Hunger gewöhnten wir uns nach einer Weile. Der Aufbrechende hatte noch gesagt, er würde zuerst mal im Rumpf nachschauen, wie weit die anderen mit dem Gold wären. Wenn er sich schon bewegen müsste, dann doch nicht nur für ein paar Brote! Das hatten wir für einen Scherz gehalten, aber es war wohl keiner gewesen.
Wir jedenfalls waren sitzen geblieben und sitzen noch, haben uns eingerichtet mit unseren Fragen, uns verabschiedet von aller Antwort und echter Nahrung. Nur nicht vom Gold. Aber das werden uns die anderen schon hochbringen, wenn sie fertig sind.

Es ist nicht nur schlimm. Manchmal sind wir auch lustig, singen Lieder und albern herum. In anderen Momenten ruhen wir wohlig in uns selbst, oder diskutieren unsere Fragen durch. Mal lauschen wir dem Knarzen der Planken. Mal scheint ein Licht aus uns zu fließen und fremde Gestalten treten heraus aus dunklen Ecken. Momente gibt es, in denen unsere Glieder ganz leicht werden, alles sonderbar weich scheint und wir voll Liebe sind für den anderen. Meist aber hängen wir still da und blicken den Gedanken auf ihrer Flucht nach. Und wenn wir doch wieder reden, dann ist das als ob wir durch Laderäume voll hoch aufgestapelter Wörter streifen, und uns entgegenschreien was wir gerade so finden. Wir werfen die Wörter einander zu wie Bauklötzchen, schichteten sie auf zu hohen Mauern, bauen Türme und stoßen sie wieder um.

So sitzen wir und fragen uns.
So fragen wir uns und warten.
So warten wir und hoffen.
Auf das Gold und einen Stern, dem wir folgen können.
Aber es bleibt finster vor den Bullaugen. Von unten reißt das Singen nicht ab, wird immer schöner im Ton und bleibt doch wortlos.
Wir treiben, sitzen, hängen, reden weiter. Irgendwann werden die Schmerzen wohl überhand nehmen, aber dann wird sicher das Gold schon da sein …

(Auszug aus dem Clownstheater-Programm „Land unter!“)

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