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    Liske liest: „Das Wir als Burka des Ichs“

    September 17 @ 19:00 - 21:30

    Pünktlich zum 5jährigen Jubiläum von Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft erscheint online die 10. Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Nationalismus und Germanistik“! Auf https://undercurrentsforum.com und auf facebook, (https://de-de.facebook.com/Undercurrents-Forum-für-linke-Literaturwissenschaft-437287329661231)
    Darin: Markus Liske zur Leitkulturdebatte als „Burka des Ichs“, Klaus Birnstiel zum Nationalismus der aktuellen Germanistik von Borchmeyer bis zur jüngsten Spiegel-Debatte, Susanne Fuchs zur Germanistik als ‚weißer‘ Disziplin, Diana Hitzke zur Kritik einzelsprachlicher Forschung, Filippo Smerilli zur Sprache der Germanistik als ’nationaler Disziplin‘; außerdem Exklusiv-Interview mit der einen und einzigen Connie Ramos und eine „Best of“ der Redaktion aus 5 Jahren.
    In diesem Zusammenhang (s. auch Anhang) laden wir euch herzlich ein, das Erscheinen der neuen Ausgabe als Print und das Jubiläum mit uns zu feiern. Mit Lesung (Markus Liske), Film („Schicht“), Musik (tippel orchetra) und Quiz („Wer wird linke Literaturwissenschaftler_in?“).
    Sonntag, 17.09.2017 ab 19:00 Uhr im aquarium, Skalitzer Str. 6 (neben dem Südblock, U-Bahnhof Kottbusser Tor), 10999 Berlin Kreuzberg
    Herzliche Grüsse,
    eure Undercurrents-Redaktion
    Statt eines Editorials:
    Wenn ‚deutsch‘ die Antwort ist, was war dann die Frage?

    Glauben wir Selbstbeschreibungen der Germanistik, so hat sie ihre Geburt aus dem Geiste des deutschen Nationalismus längst überwunden – und ihre tiefe Verstrickung in den Nationalsozialismus glänzend aufgearbeitet. Zumeist feiert sie sich dafür; doch wird inzwischen von einigen namhaften Vertreter_innen des Faches auch Bedauern über eine vermeintliche Auflösung des deutschen Kerns jener angeblichen Kultur geäußert, aus der die größte Barbarei der Menschheitsgeschichte hervorging. Ausgangspunkt der 10. Ausgabe vonUndercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Nationalismus und Germanistik“ ist eine heuristische Skepsis gegenüber der germanistischen Selbsterzählung, hat doch das, was Wissenschaftler_innen über sich selbst sagen, nicht nur Donna Haraway zufolge meist kaum etwas mit dem zu tun, wie sie handeln. Wir möchten für eine bessere Analyse der Lage gar vorschlagen, probeweise die Perspektive umzukehren und zu fragen: Was trägt die neuere und neueste Germanistik zum deutschen Nationalismus bei? In diesem Heft zeigt der Beitrag von Markus Liske, wie die identitäre Forderung einer „deutschen Leitkultur“ auf eine Illusion nationaler Kultur rekurriert, die, wenn auch weiterhin akademisch gepflegt, von allen gesellschaftlichen und literarischen Realitäten Lügen gestraft wird. Klaus Birnstiel legt anhand von Dieter Borchmeyers neuer Publikation Was ist deutsch? die Aporien einer Germanistik offen, die sich auf die Suche nach einer nationalen Mission begibt, ohne dass doch selbst ihre liberaleren Vertreter_innen die Arbeit an der eigenen Vergangenheit bereits in dem Maße geleistet hätten, wie sie es gerne für sich in Anspruch nehmen.

    Als Nationalismus wird gemeinhin eine Identifikation mit der ‚eigenen’ Nation bezeichnet. Nicht nur, aber auch innerhalb der Germanistik kann er als eine Ideologie beschrieben werden, die eine politische und eine strukturelle Dimension aufweist. Von politischer Ideologie ist zu sprechen, wenn sich Germanist_innen in ihrer Arbeit oder in der Öffentlichkeit nationalistisch positionieren, sich also explizit oder implizit mit der deutschen Nation identifizieren. Strukturelle Ideologie meint hingegen die Produktion von Identifikationen mit der deutschen Nation innerhalb der Staatsapparate von Wissenschaft und Schule durch deren Funktionär_innen, insbesondere Professor_innen und Lehrer_innen, in Forschung und Lehre. Dazu gehört die Kulturgutspflege national kanonisierter Werke, die literarische Praktiken wie etwa den Rap meist ebenso marginalisiert wie ‚schwarze’ Autor_innen. Wie wenig eine Kritik der ‚weißen’ Dominanz in der Germanistik bisher auf der Tagesordnung steht, zeigt ein Beitrag von Susanne Fuchs anhand des Buches The History of White People von Nell Irvin Painter.

    Der damit verbundenen Annahme, die deutsche ‚Einzelsprache’ sei konstitutiv für Kultur und Staat und aus diesem Grund eigener disziplinärer Forschung wert, wird von Diana Hitzke entgegengehalten, dass eine klare Zuordnung von Sprachen zu Disziplinen weder die Realität der philologischen Forschung beschreibt noch die Verwobenheit von Sprachen zu analysieren geeignet ist, die faktisch keineswegs einen Ausnahmefall darstellt. Mit Gayatri Spivaks Death of a Discipline wäre vielleicht zu ergänzen, dass eine Beschäftigung mit einzelsprachlicher Literatur sehr wohl geeignet sein kann, diese nicht in einem globalen melting pot zur Unkenntlichkeit zu entstellen, sondern ihre jeweiligen spezifischen Beiträge zum multikulturellen salad bowl herauszuarbeiten. Damit ist allerdings ein Weg und kein Ziel beschrieben: Sich mit dem Beitrag der deutschen Sprache zu kulturellen Artefakten zu beschäftigen, ist ein ehrenwertes Unterfangen – in völliger Abstraktion von den historischen Zusammenhängen das ‚Deutsche’ aus ihnen zu extrahieren und zu einem distinkten Gegenstand zu ernennen, ist es nicht. Wenn die Beschäftigung mit ‚deutscher’ Sprache und Literatur die Antwort auf die Frage „Was zeichnet die Germanistik gegenüber Literaturwissenschaften überhaupt aus?“ ist, was zeichnet dann das ‚Deutsche’ und eine solche nationalistische ‚Wissenschaft’ – dieses Wort auf die Methode/Kunst der Philologie angewandt ist bereits sehr ‚deutsch’ – aus? Eine Kritik der in der gegenwärtigen Germanistik gängigen Haltungen und Praxen in Hinsicht auf die Geschichte der Disziplin liefert der Essay von Filippo Smerilli.

    Warum ‚deutsch’ schließlich als Sprache und Kultur die Antwort auf die Frage sein soll, was das Land ausmacht, in dem neben denen, die sich mit ihm identifizieren, zum Glück noch ein paar andere leben, weiß nur der Herr mit dem urdeutschen Namen de Maizière, dessen kräftiger Händedruck jede weitere Nachfrage überflüssig macht. Wenn das repressivste Asylrecht in der deutschen Geschichte unter der Ägide seiner Regierung durchgesetzt wurde, durch tatkräftigen Anteil Gabriels und Schäubles und entgegen ihres falschen Rufes als Vertreterin einer liberalen Einwanderungspolitik unter Führung Merkels, dann verwundern die immer schrilleren nationalistischen Töne nicht: Neues deutsches ‚Selbstbewusstsein’ wird in die Welt hinausposaunt als Begleitmusik der Exportprodukte, mit denen sie überschwemmt wird. Sigmar Gabriel ereifert sich, die Kritiker_innen des Treffens der kapitalistischen Großmächte (G20) in Hamburg hätten Deutschlands Ansehen beschädigt, und hält das offensichtlich für einen Vorwurf.

    Zu schlechter Letzt ist ‚deutsch’ offensichtlich die Antwort, die mehr oder weniger alle Parteien bei der diesjährigen Bundestagswahl auf die Fragen und politischen Herausforderungen der Gegenwart geben. Beispiel Migrationspolitik: „Wir erleben bereits jetzt eine deutliche Überforderung unserer Aufnahmekapazität“, sagt Jörg Meuthen von der AfD, und alle stimmen ihm zu: „Unsere Zuwanderungspolitik benötigt eine Generalinventur (…). Wer bleibt, den müssen wir uns aussuchen“ (Christian Lindner, FDP). „Es geht um Völkerwanderung, das ist klar. Wenn wir jedenfalls nicht bald reagieren, wird es uns am Ende auf die Füße fallen“ (Bodo Ramelow, LINKE). Denn, so wusste Angela Merkel schon vor langem: „Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert.“ Sigmar Gabriel hofiert wie einst Merkel jugendliche Neonazis die heutigen Faschist_innen: „Es gibt ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational.“ Denn, so eine mehr üble als kleine Partei: „Unsere Freiheit und unseren Wohlstand können wir nur erhalten, wenn wir sie einer sehr großen Zahl von Menschen, die danach streben und in unser Land kommen wollen, vorenthalten.“ (Boris Palmer, Bündnis 90/Grüne) Gewiss, der Unterschied zwischen der offen faschistischen AfD und der ihr wie dem Neoliberalismus und dem Nationalismus meist klar die Stirn bietenden LINKEN ist mehr als nur ein gradueller. Aber ist das angesichts der derzeitigen Hegemonie des deutschen Nationalismus ein wirklicher Trost?

    Trost, Wein, Gesang und mehr gibt es hingegen auf unserer Jubiläumsfeier am 17.09.2017 ab 19:00 Uhr im aquarium, Skalitzer Str. 6 (neben dem Südblock, U-Bahnhof Kottbusser Tor), 10999 Berlin Kreuzberg: Markus Liske liest aus seinem Artikel zum aktuellen Schwerpunkt, wir zeigen den Kurzfilm Schicht von Alex Gerbaulet, das tippel orchestra spielt politische Lieder und die zauberhafte Gerda Hanebüchen moderiert das (nicht ganz ernst gemeinte) Quiz „Wer wird linke Literaturwissenschaftler_in?“ Wir möchten euch herzlich dazu einladen, mit uns das fünfjährige Bestehen von Undercurrents und das Erscheinen der zehnten Ausgabe zu feiern. Neben den Texten zum Schwerpunkt konnten wir die publikumsscheue Connie Ramos für ein Exklusiv-Interview gewinnen. Und wir haben anlässlich unseres Jubiläums die aktuelle Ausgabe in kleiner Auflage drucken lassen. Sie wird auf unserer Jubiläumsfeier gegen eine Spende zu bekommen sein und enthält neben den online verfügbaren Beiträgen als Reprise der bisherigen fünf Jahre und zehn Ausgaben einige Texte aus unserer eigenen „Best-of“-Auswahl. Diese wie auch weitere „Best-of“-Texte findet ihr aktuell zudem auf unserer facebook-Seite.

    Redaktion Undercurrents, Berlin – Göttingen – New York, August 2017

    Details

    Datum:
    September 17
    Zeit:
    19:00 - 21:30
    Veranstaltungskategorie:

    Veranstalter

    WORT & TON

    Veranstaltungsort

    aquarium
    Skalitzer Str. 6
    Berlin, 10999 Deutschland