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    Hotline-Theologie

    Glauben ist blöd, muss aber nicht zwangsläufig zur Gefahr werden. Man denke nur an all die Millionen Menschen die tagtäglich und auch jetzt gerade, in diesem Moment, ebenso sinn- wie folgenlos mit Hotlines telefonieren. Ob Stromversorger, Telefonanbieter oder eben Job-Center

    – es gibt einfach keine Ansprechpartner mit Durchwahlnummern mehr, und das ist genial. Konnte man früher ein Anliegen mit einem zweiminütigen Anruf erledigen, wartet man heute mindestens zwanzig Minuten, bevor man zu einer vage angelernten Hilfskraft mit begrenztem Computerzugang durchgestellt wird, die einem bestenfalls einen Termin in zwei Wochen klarmachen kann oder schlimmstenfalls einen Rückruf verspricht, der garantiert dann erfolgt, wenn man gerade nicht zuhause ist. Genial ist das nicht nur deswegen, weil so gewaltige Überschüsse unnützer Lebenszeit zuverlässig entsorgt werden. Es ist vor allem genial, weil es den Menschen ihren Glauben an ein größeres Ganzes, an einen lenkenden Willen zurückgibt. Die staatliche Bürokratie der letzten zwei Jahrhunderte hatte immer Mühe, diesem Urtraum gerecht zu werden, ganz egal, wie sehr sie sich hinter bizarren Öffnungszeiten und Formularen verbarg. Am Ende verkehrte man doch immer mit leibhaftigen Personen. Mit der Privatisierung und ihren allgegenwärtigen Hotlines aber ist endlich Gott zu den Menschen zurückgekehrt. Der Anruf bei einer Hotline ist ein Stoßgebet an einen ebenso allmächtigen wie unberechenbaren Big Father. Das Herumtänzeln zur Warteschleifenmusik ersetzt das Hinknien und Bekreuzigen, bevor schließlich eine wesenlose (Maschinen-) Stimme Empfangsbereitschaft für alle Sorgen und Probleme signalisiert. Den abschließenden Klingelbeutel füllt die Telefonrechnung. Und so, wie es den Menschen im Mittelalter nichts ausmachte, dass Gott zwar immer zuhört, aber niemals wirklich eingreift, erwarten auch wir letztlich nichts von unserem Anruf und tun es trotzdem immer wieder. Fazit: Es gibt keine sinnvolleren Religionen, aber viele die gefährlicher sind.

    Markus Liske

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