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    Shitstorm over Regener

    Posted by on Mrz 30, 2012

    oder: Der Künstler im Zeitalter seiner digitalen Enteignung

    Die Orientierung von allem und jedem ausschließlich an ökonomischen Interessen (vornehmlich natürlich an den eigenen) tut ihr Übriges, um eine Sichtweise zu etablieren, die sich, paradox genug, durch einen hedonistischen und zugleich antiindivualistischen Furor auszeichnet, der leicht ins Kannibalistische abgleiten kann. Das Resultat ist eine sehr spezielle Einsichtslosigkeit in die Notwendigkeit jener vom Gesetz garantierten Freiheitsräume, die Wissenschaft und Kultur wie der Mensch die Luft zum Atmen brauchen.“ Roland Reuß in Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit“

    Da hat er unlängst mal die Faxen dicke gehabt, der Sven Regener, Schriftsteller und Sänger von Element of Crime. In einem wütenden Monolog ereiferte er sich im BR über die immer miserabler werdende Produktionsbedingungen für Künstler in dieser Gesellschaft. „Man pisst und ins Gesicht!“, sagte er und meinte die sogenannte „Netzgemeinde“, insbesondere vertreten durch die gerade furios erfolgreiche Piratenpartei. Denn die Abschaffung des Urheberrechts wird hier nicht nur debattiert, sondern seit Jahren exzessiv praktiziert und als „Freiheit“ gefeiert. Dass das Urheberrecht die wesentliche Säule für das Einkommen von Künstlern wie Regener darstellt, diese also in ihrer Freiheit beschnitten werden sollen, interessiert dabei kaum jemanden. Kunst hat eben für alle da zu sein – umsonst versteht sich. Gesetzt den Fall, es wäre möglich, sich von digitalem Brot zu ernähren, würde für Backwerk sicher dasselbe gelten, weshalb es sich bei dieser Idee zumindest auf den ersten Blick um eine charmante antikapitalistische Vision mit Weltrettungscharakter handelt.

    Dumm nur, dass die Waren von Bäckern, Metzgern oder Bierbrauern nicht digital zu kopieren sind. Deshalb wird denen, auch von der Piratenpartei, weiterhin ein Geldwert zuerkannt. Die ominöse Netzgemeinde, zu deren Vertreter sich diese Partei aufschwingt, will also nur den Warenwert der Kunst abschaffen, dabei aber gar nicht – wie im Shitstorm, der auf Regener niederging, immer wieder zu lesen war – in erster Linie dem Künstler schaden, sondern der teuflischen „Kulturindustrie“, vertreten durch die großen Film- und Musikimperien und ihre miesen Darth Vaders, wie etwa die GEMA.

    Was in diesem Zusammenhang gern übersehen wird: Universal, Sony, Warner Bros. & Co. schreien zwar am lautesten, weil sie die lauteste Stimme haben, sind aber gleichzeitig diejenigen, die längst Wege gefunden haben auch in einem offenen Netz weiter zu verdienen. Wem es wirklich an den Kragen geht, das sind – dieser Teil von Regeners Rede wird oft überhört – die kleinen Independent-Label oder -Verlage, die eben nicht über den nötigen Marketing-Apparat und Finanzrahmen verfügen, sich mittels Beteiligungen an Internet-Plattformen und großen Werbeverträge ihren Anteil vom Kuchen zu sichern.

    Ebenso sieht es bei den Künstlern aus: Lady Gaga oder Justin Bieber müssen keine Angst haben, denn ihre „Kunst“ ist ohnehin nur Markendesign von Medienkonzernen, die tatsächlich kein Urheberrecht brauchen, um Gewinn zu realisieren. Wen es trifft, das ist sozusagen der künstlerische Mittelstand, zu dem man auch Regener zählen muss. Trotz all seiner Erfolge ist der Mann mit Sicherheit kein „reicher Sack“, wie er im Shitstorm zigfach tituliert wird, das wird man nämlich nicht so leicht, wenn man Kunst macht.

    Auch das (noch) geltende Urheberrecht mit seinen Verwertungsgesellschaften à la GEMA, wie es nun von Regener verteidigt wird, ist im Kern eine Umverteilung von unten nach oben. Mit der Bekanntheit von Element of Crime kann man durchaus von der GEMA leben, um aber über die GEMA reich werden zu können, muss man schon Herbert Grönemeyer oder Xavier Naidoo sein. Nach unten tritt und spuckt dieser bizarr legitimierte Verein, speist das Gros seiner Mitglieder mit Brosamen ab, macht kleine Clubs kaputt und hat mit seinen überzogenen Gebühren manches ambitionierte Festival auf dem Gewissen. Abschaffen? Gerne. Ersatzlos? Nein.

    Ein Fritz Effenberger schreibt unter dem Titel „Sven Regener, du erzählst Unsinn, und ich erklär dir warum“ in seinem Blog, er mache ja auch Musik, aber man müsse sein Geld im Internet eben anders verdienen, mit Werbung zum Beispiel. Alle seine journalistischen Texte seien frei verfügbar und er verdiene trotzdem super. Wundermaschine Internet: Gewusst wie, und schon läuft’s!

    Leider klingt das alles nur noch halb so gut, wenn man ihn googelt, den Herrn Effenberger. Mit Werbung verdient er beim Bloggen schon mal genau so wenig wie ich, es gibt nämlich keine auf seinem Blog. Kollege von Regener ist er auch nicht, hat nur mal als junger Mann bei einer relativ unbekannten Band gespielt und greift heute manchmal hobbymäßig zur Gitarre. Sein Geld verdient er u.a. als Entwickler von Games und Gadgets (Copyright!) und als Schreiberling für Online-Magazine, auf deren Plattformen für Microsoft, Apple & Co. geworben wird. Und genau um die geht es in diesen Magazinen auch. Hier zeigt sich das Internet einmal mehr als selbstreferentielle Blase, die sich zwar anscheinend wunderbar aus sich selbst heraus finanziert, dabei aber auf all jene scheißt, die sich nicht hauptberuflich auf seine Strukturen einlassen wollen. Um hier zu verdienen, muss man es so machen wie Effenberger: Aufhören, Künstler zu sein. „Mach das doch auch bitte“, fordert er Regener tatsächlich auf.

    Überträgt man die Idee, dass nicht mehr der Konsument den Produzenten bezahlt, auf die eingangs erwähnten Bäcker, wird das Problem deutlicher: Der Bäcker würde dann seine Brötchen umsonst abgeben und das mit Werbung auf den Tüten finanzieren. Weil aber nur der Bäcker richtig gute Werbekunden kriegt, der enorm viel Brötchen unters Volk bringt, bleiben bald nur noch ein oder zwei riesige Backkonzerne, die möglichst billig etwas herstellen, was vage wie ein Brötchen aussieht und vielleicht ein paar Idioten, denen unbezahltes Brötchenbacken Spaß macht. Wie es dazu kommen konnte, dass auch sich „links“ gerierende Zeitgenossen Konzernwerbung plötzlich so unkritisch sehen, ist auch so eine Frage, die man sicher mal extra erörtern müsste …

    Aber zurück zur Kunst: Natürlich gibt es inzwischen auch viele Ideen, wie man Künstler anders als auf dem üblichen Weg über Verwertungsgesellschaften entlohnen könnte. Da gibt es zum Beispiel das freiwillige Bezahlsystem Flattr, dessen Pferdefuß (neben der Finanzierung eines Konzerns namens „Flattr“ mit 10 Prozent auf jede Spende) – hehres Menschenbild hin oder her – die Freiwilligkeit ist. Der Chaos Computer Club (CCC) sieht diesen Pferdefuß auch und hat deshalb die Idee einer verbindlichen „Kulturwertmark“ in die Welt gesetzt. Hierbei handelt es sich im Prinzip um eine neue Steuer, die monatlich für jeden Internetanschluss erhoben werden soll. Anschließend entscheidet der Konsument selber, welchem Künstler seine Kulturertmärker zugute kommt. Damit nun der Konsument nicht alles Geld an Florian Silbereisen oder Böhse Onkelz abgibt, soll es eine Obergrenze geben. Wer die festlegen soll, weiß der CCC noch nicht. Vermutlich die „Stiftung“ die dann an die Stelle der GEMA treten soll (und die sicher deren Mitarbeiter – des KnowHows wegen – übernähme).

    Auch schwant dem CCC, dass es Kunstarten und -richtungen gibt, die bei einer Konsumentenbewertung vollkommen durchs Raster fallen würden, was das kulturelle Spektrum schwer beschädigen würde. Also möchte man die Vergabe der Kulturwertmark beispielsweise für Popmusik prozentual begrenzen. Ob dadurch allerdings die Komponisten sogenannter „Ernster Musik“ eine faire Chance bekämen, scheint mir überaus fraglich. Wahrscheinlich müsste man hierfür noch eine finanzielle Höherbewertung der tatsächlich vergebenen Kulturwertmärker einrichten, also ziemlich genau das tun, was derzeit die GEMA tut.

    Aber so sehr sich die neu zu schaffende „Stiftung“ und die GEMA an diesem Punkt auch schon wieder gleichen, einen Machtfaktor müsste man der „Stiftung“ sogar noch zusätzlich einräumen, von dem auch in der GEMA sicher mancher feuchte Träume träumt: Nämlich, die Entscheidung zu treffen, was Kunst ist und was nicht. Warum? Weil jeder halbwegs findige User ansonsten irgendein Textchen, eine Dreitonfolge mit Gebrüll drüber und ein grün eingefärbtes Urlaubsbild ins Netz stellt und sich seine Kulturmärker einfach selber gibt, bzw. das als Austauschgeschäft mit einem Kumpel organisiert. Jede Steuer schafft schnell ihre Schlupflöcher und deshalb auch einen monströsen Machtapparat, der dem der GEMA mit Sicherheit in nichts nachstünde, sie vielleicht sogar noch übertreffen würde.

    Was das Verstörendste an der ganzen Debatte ist: Warum will man eigentlich unbedingt die Schutzfristen im Urheberrecht verändern bzw. abschaffen? 51 Tatort-Autoren haben gerade in einem offenen Brief zurecht darauf hingewiesen, dass es den Usern doch in der Regel nicht um freien Zugang zu den Werken bereits verstorbener Autoren geht, sondern um den freien Zugang zu aktuellen Songs und Filmen. Die Tatort-Autoren konstatieren Symbolpolitik („Schaut her, wir kommen euch ein bisschen entgegen!“) und haben sicher recht damit.

    Aber, was auch immer sich der CCC oder andere einfallen lassen, schaut man sich den Anti-Regener-Shitstorm an, geht das alles an den meisten Usern vorbei. Die wollen keine neue Steuer oder ähnliches, sondern die totale Abschaffung des Copyrights. Und mit dieser Ansicht sind sie auch in der Piratenpartei vertreten, wie kürzlich ein Musikerkollege von mir, auf seine schriftliche Nachfrage hin, noch mal vom Berliner Landesvorsitzenden Hartmut „Hase“ Semken bestätigt bekam. Dies aber kann gar nichts anderes zu Folge haben, als die Abschaffung von Kunst als Beruf.

    Nun gibt es User, die sagen: „Aber es geht uns doch nur ums Internet! Und viele Leute bezahlen ja sogar für das, was sie runterladen. Ist das wirklich ein so großer Verlust?“ Ja, ist es. Coole junge Leute, die sich für Abseitiges interessieren, zahlen nämlich in der Regel nicht. Zahlen tun bislang nur die Doofies – für Depeche Mode oder Madonna und ein paar Moralisten mittels Flattr. Die kleinen Labels und Verlage draußen in der wirklichen Welt gehen tatsächlich pleite und mit ihnen ihre Künstler. Allerdings liegt das nicht ausschließlich am Schwarzkopieren. Es liegt daran, dass das Internet beim Kunst-Konsumenten schon seit zehn Jahren den Anspruch nährt, den Sektor Kunst für umsonst zu bekommen, auch außerhalb des Netzes.

    Die Bereitschaft, beispielsweise für Konzerte weniger bekannter Bands (oder gar für Lesungen) zu bezahlen wird seit Jahren immer geringer, also auch die Eintrittsgelder und die Gagen, jedenfalls dort, wo kein staatliches Förder- oder Subventionssystem wirkt. Da wird am Einlass inzwischen schon über 5 Euro diskutiert, obwohl man am selben Abend ohne mit der Wimper zu zucken 30 Euro versäuft, womit dann auch klar wird, dass das Problem hier nicht in erster Linie Armut heißt.

    Der CD-Verkauf, der noch eine Zeitlang die niedriger werdenden Gagen abfederte, findet bei einem Publikum, das mehrheitlich unter dreißig ist, nahezu nicht mehr statt. Der Künstler wird am CD-Stand sogar noch gefragt, wo es die CD zum kostenlosen Download gibt. Und was tut er, der Künstler? Lacht. Weil er ja nicht „uncool“ sein darf – auch das ein Begriff aus Regeners Rede. Uncool wird man schnell, zum Beispiel wenn man die Anfrage eines coolen Clubs, dort umsonst zu spielen, ablehnt. Sogar als Kapitalist gilt man dann, obwohl jeder in diesem Club, vom Barmann bis zum Türsteher, Geld verdient, ohne dafür Kapitalist genannt zu werden. Und das – auch wenn die eigene Beobachtung gemeinhin als ungenaueste der empirischen Methoden gilt – ist längst Künstleralltag. Wer sich dagegen auflehnt, ist „uncool“ bzw. konservativ. Wobei niemandem aufzufallen scheint, dass es gerade den Independent- und Alternative-Sektor zuerst trifft und, dass die Coolen und Fortschrittlichen somit plötzlich Bejoncé oder Shakira heißen. Die haben solche Probleme nämlich nicht.

    Sascha Lobo, einer der ideologischen Papaschlümpfe der Netzgemeinde, wird in seiner regelmäßigen Kolumne auf SpiegelOnline nicht müde, jede Erregung in Internet-Fragen als konservative Fortschrittsangst zu entlarven. Stets nach demselben Muster verfahrend, zitiert er irgendwelche Ängste, die Menschen etwa bei der Einführung von Kraftfahrzeugen oder Fernsehen geäußert haben, um dann altklug festzustellen, dass wir heute alle Autos nutzen und fernsehen und uns die damaligen Ängste nun lächerlich vorkommen. Faktisch hat aber noch fast jede Erfindung die Welt nicht nur zum Positiven verändert. Häufig hinterließ man der Nachwelt sogar gigantische Hypotheken, so heiß war man darauf, das neue Spielzeug in Aktion zu sehen.

    Es ist mitnichten konservativ, über mögliche Folgen nachzudenken, bevor sie eingetreten sind, und schon gar nicht ist es konservativ vor Folgen zu warnen, die bereits offensichtlich sind. Um beispielsweise als Musiker im Internet über Klicks bei YouTube Geld zu verdienen (wie es Fritz Effenberger propagiert), hat es keinen Sinn mehr, jährlich zwanzig Songs zu schreiben und achtzig Konzerte zu geben. Man muss einen einzigen Song schreiben und den Rest der Zeit damit verbringen, diesen überall einzustellen und mit einem lustigen (lustig ist immer toll!) Video sowie allerlei Marketing-Rödelei im Web 2.0, 3.0 oder 5.0 zu promoten. Und hat man irgendwann 12 Millionen Klicks, ergibt auch das Touren wieder Sinn. Verabschieden wir uns also von künstlerischen Ideen, die etwas abseitiger sind und Zeit brauchen.

    Kurz ist die Aufmerksamkeitsspanne im Internet, kurz und auffällig muss daher das Werk sein, will man damit verdienen. Dieser Artikel hier ist schon vor zwei Seiten zu lang gewesen, um von Leuten im Netz aufmerksam bis zum Ende gelesen zu werden. Einstellen werde ich ihn trotzdem. Bin ja (noch) nicht darauf angewiesen, mein Geld mit Klicks zu verdienen. Noch kriege ich Tantiemen für meine Bühnenstücke und bin prozentual an Buch- und CD-Verkauf beteiligt. Denn noch gibt es das Urheberrecht. Auch muss ich nicht hinnehmen, das jemand kommt und diesen meinen Text einfach auf eine Seite kopiert, die mir vielleicht nicht gefällt, deren politische Ansichten ich vielleicht nicht teile. Denn der Text gehört mir, auch dann, wenn ich beschließe ihn auf eine von mir ausgesuchte Internet-Seite zu stellen. Man darf ihn verlinken, man darf ihn zitieren. Will man ihn aber kopieren und zu eigenen Zwecken verwenden, muss man mich dafür bezahlen oder zumindest fragen. Das nennt sich Urheberrecht.

    Fazit: Die „Digitale Revolution“ ist an einem Punkt angelangt, an dem es sie zur Enteignung treibt, dummerweise nicht zur Enteignung von Konzernen oder Banken, sondern zur Enteignung der Künstler. Die „Schwarmintelligenz“ belegt damit einmal mehr, dass es auch „Schwarmblödheit“ gibt (siehe auch: Pogrome, Hooligans und Leute die sich per Facebook verabreden, um einen Unschuldigen zu lynchen). Der Inbegriff dieser Schwarmblödheit, die Piratenpartei, ist in ihrer Gemengelage aus beeindruckender politischer Unkenntnis zu fast allen Themen und neoliberaler Ideologie nichts als ein FDP-Sample mit PISA-Rap zu zeitgemäßem Beat. Und die „Freiheit im Netz“, für die da gestritten wird, erweist sich als eine weitere kapitalistische Deformierung des ehemals linken Freiheitsbegriffs.

    Solange es in dieser Debatte aber „nur“ gegen die Künstler geht (nicht gegen Bäcker oder Bierbrauer), hat der Schwarm in einem recht: Der Drang zum Kunstmachen ist eine Bewusstseinsstörung, die man nicht bezahlen muss. Denn der Künstler wird auch dann nicht aufhören zu produzieren, wenn man ihn in die Fänge der bald schon einzigen nennenswerten Künstlerförderung treibt. Sie heißt Hartz IV.

    Markus Liske

     

     

    23 Comments

    1. Mani Urbani
      31. März 2012

      kommentarfunktion läuft wieder.
      war einem plugin geschuldet, das schutz vor spamflut versprach.
      wenn nicht bitte bescheid geben. merci!
      maniurbani(at)gmx.de

      Reply
    2. Markus Liske
      6. April 2012

      Es war zwar ärgerlich, dass die Kommentar-Funktion ausgerechnet in den Tagen nicht funktionierte, als “Shitstorm over Regener” frisch im Netz stand, aber es hat eine Menge Leute dazu gebracht, uns per Mail zu kontaktieren. Hier deshalb noch mal herzlichen Dank an alle für Zuspruch, Kritik und weiterführende Links!
      Wir bleiben dran …

      Reply
    3. Karl Walden
      7. April 2012

      Spannender Text! Er behandelt aber nur “lebende Kunst” – d.h., um genau zu sein, den Verdienst von lebenden Künstlern, an von ihnen geschaffenen Werken. Hier liegt tatsächlich das Problem – aber das Urheberrecht geht wesentlich weiter. Das dieses auch nach dem Tod des Autors übertragen werden kann, dass Werke längst nachdem sie ihren Zweck erfüllt zu haben, dem Autor sein Auskommen zu sichern (so dies denn der Zweck war) – auch weiterhin demselben Ablauf unterliegen, dass ein Verdienst an Werken möglich ist, die nicht vom “Urheberrechtsinhaber” geschaffen wurden. Und gerade hier ist es genau das, was hindert, was eine gewaltige Masse an Werken einfach mal unzugänglich macht, was blockiert. Um bei dem “Bäckervergleich” zu bleiben – ein Bäcker gibt seine Brötchen nach Feierabend auch umsonst ab – entweder wandern diese in den Müll, oder an geschickt Fragende. Warum soll das bei Kunst anders sein? (Ich mein jetzt nicht die Wanderung in eine Mülltonne – denn manchmal soll es auch Werke geben, die nicht nur einen Tag aktuell bleiben – wie ein Brötchen)

      Reply
      • Markus Liske
        12. April 2012

        Die Schutzfristen haben eigentlich nicht den Sinn, die Publikation von Werken zu verhindern, sondern den (durchaus vernünftigen), auch über den Tod eines Autors hinaus, dafür zu sorgen, dass sein Name nicht plötzlich beispielsweise im Autorenverzeichnis der Jungen Freiheit auftaucht oder anderer Schindluder mit ihm getrieben wird. Es gibt allerdings Erbengemeinschaften (wie etwa bei Bert Brecht), die dieses Instrument als reine Gelddruckmaschine missbrauchen. Nichtsdestotrotz kann ich aus eigener Erfahrung (als Anthologieherausgeber und Mitglied von Der Singende Tresen) sagen, dass ich bislang fast alle Rechte nach denen wir freundlich gefragt haben (ob von lebenden oder toten Autoren) auch bekommen haben, in der Regel unentgeltlich. Einzige Ausnahme war ein Text von Günther Schwenn, den wir neu vertonen wollten, was mit Verweis auf die weltbekannte Erstvertonung sehr freundlich – und nachvollziehbar – abgelehnt wurde.

        Reply
        • Karl Walden
          12. April 2012

          “Eigentlich” hat der Wortlaut eines Gesetzes selten mit seiner praktischen Auslegung zu tun. Wenn der Sinn klar wäre, bräuchte man ja kein geschriebenes Gesetz. Und was diese Vorstellung von “vernünftig” anbelangt – ich habe arge Zweifel, dass die “Junge Freiheit” Brechts Gesammelte Werke rausbringen würde – und wenn, würden sie anderen die Arbeit erleichtern – was sicher nicht im Sinne dieses Publikationsorgans ist. Im Umkehrschluss heißt das übrigens auch, dass wenn Brecht einen faschistischen Sohn gehabt hätte, dieser der Rechteinhaber geworden wäre. Die Sache stinkt von vorn bis hinten – und hat mit “Vernunft” wenig zu tun.

          Reply
    4. V.
      7. April 2012

      Die aktuelle Debatte geht mitnichten “`nur´ gegen” die Künstler_innen, nur weil einige Protagonist_innen sich (noch) scheuen die vollständigen Konsequenzen klar und deutlich zu benennen: In dieser Debatte geht es letztendlich um die Frage des Eigentums ansich, welches in einer freiheitlichen, solidarischen und modernen Welt zunehmend überflüssig ist. Vielleicht möchte der Besitzstandswahrer Liske sich z.B. in Form einer `Künstlerpartei´ am politischen Diskurs beteiligen…

      Reply
      • Markus Liske
        12. April 2012

        Sorry, es geht mitnichten um die Frage des Eigentums an sich, die Piraten sind keine linke Partei und der Aufstand gegen das Urheberrecht ist kein antikapitalistischer. Im Parteiprogramm der Piraten findet sich keine einzige Zeile Kapitalismuskritik. Ausschließlich GEISTIGES Eigentum wird hier zur Disposition gestellt. Ansonsten heißt es: “Wir wollen Armut verhindern, nicht Reichtum”. Im Kapitalismus aber ist ein jeder zwangsläufig “Besitzstandswahrer”. Jeder schließt seine Tür ab. Jeder wird um seinen teuer erworbenen Laptop kämpfen, wenn er ihm in der U-Bahn geklaut werden soll. Für geklaute Werke gilt für mich dasselbe – denn die sind mein Lebensunterhalt.

        Reply
    5. Guido Stepken
      8. April 2012

      “Die schlimmste Befürchtung der Gegner der Piratenpartei ist, daß sie tatsächlich nun arbeiten sollen für ihr Geld; einmal Kacken und dafür von der Allgemeinheit lebenslang und sogar darüber hinaus gefüttert zu werden, funktioniert nicht mehr!”

      gez. Plagiarius

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      • Markus Liske
        12. April 2012

        „Einmal kacken und lebenslang verdienen“ – dieser Vorwurf taucht schon im Anti-Regener-Shitstorm in verschiedensten Variationen immer wieder auf. Bemerkenswert ist dabei das Wort „kacken“. Gemeint ist damit sicher nicht, dass Regener nur Kacke produziert, denn dann könnte es einem ja egal sein, ob man dafür bezahlen muss oder nicht. Nein, was sich darin ausdrückt, ist eine grandiose Unkenntnis der künstlerischen Produktionsweise. Es gab in der Menschheitsgeschichte Zeiten, da war ein Buch oder ein Musikstück (ja, sogar die Befähigung zum Schreiben) etwas so besonderes, dass die Arbeit des Künstlers in eine geradezu göttliche Sphäre entrückt wahrgenommen wurde. Aus der absoluten digitalen Verfügbarkeit der Kunst entsteht nun die entgegengesetzte Vorstellung, die Produktion eines künstlerischen Werkes brauche nicht mehr als ein paar Klicks. Beide Vorstellungen, die überhöhende wie die negierende, sind absurd. Die Grundlage jedes Werkes ist (neben Talent und Vision) vor allem Arbeit. Kaum ein Schriftsteller ist in der Lage, mehr als ein Buch alle ein bis drei Jahre zu schreiben, was schon eine ziemlich lange Sitzung wäre, wenn man beim Bild des „Kackens“ bliebe. Für diese Arbeit wird der Autor in der Regel mit zehn Prozent an den Einnahmen beteiligt. Davon kann man (wenn man nicht gerade über „Feuchtgebiete“ schreibt) nur unter der Prämisse einigermaßen leben, dass man – während man immer neue Bücher produziert – an der Verwertung der vorhergegangenen weiter verdient. Für gute Musik gilt dasselbe. „Kacken“ mag (wenn man es von der negativen Konnotation befreit) durchaus ein treffendes Bild sein für das, was mancher Blogger allmorgendlich auf seiner Seite macht, denn Blogs leben ja meist vom schnellen, tagesaktuellen „Geschäft“, und sondert man täglich ab, kommen dabei bestimmt fix 200 Seiten zusammen. Aber, mag es sich hierbei auch um wirklich lesenswerte Gedanken handeln, ein Buch ist das noch nicht.
        Und – hey! – diese “Die sollen mal richtig arbeiten gehen”-Haltung ist nicht nur dämlich sondern in ihrem Kern faschistoid.

        Reply
    6. Das ist keine Politik, das ist albern. | Markus Freise | Illustration . Design . Poetry-Slam | Bielefeld
      12. April 2012

      […] und künstlerische Enteignung. Nicht weniger. Und es wird am Ende die falschen treffen, wie Markus Liske schreibt: „Ebenso sieht es bei den Künstlern aus: Lady Gaga oder Justin Bieber müssen keine […]

      Reply
    7. Manfred Maurenbrecher
      12. April 2012

      Lieber Markus,
      Du hast beinah mit allem recht, hast es endlich mal geduldig aufgedröselt, was vielen (mir auch) an Bruchstücken von Gedankengang zu diesem Thema im Kopf herumfliegt. Wie im Beispiel ‘Effenberger’: Die am eigenen kreativen Wunsch oder Anspruch Gescheiterten schreien am lautesten, wollen das umsonst, was ihnen nie gelingen wollte. Und: wo sie keine Gegenwehr erwarten. Feige junge Spießer also.
      Rolle und Funktion der Gema sehe ich ganz anders als Du. Dort wünscht sich keiner, zu entscheiden, was Kunst ist und was nicht. Für veröffentlichte, öffentlich aufgeführte Musik und mit Musik verbundenem Text wird dort kassiert. Das Verteilsystem ist überkompliziert, gerade weil nicht das Wer-hat-der-kriegt – Prinzip gilt. Ich finde, dies große mühsam navigierende Schiff ist eine Errungenschaft (wie die großen Gewerkschaften), und wahrscheinlich werden die johlenden jungen Spießer es schaffen, sie loszuwerden. Wie es die fdp-Mannschaft gerade mit unserem noch halbwegs sozialen Gesundheitssystem versucht.
      Herzliche Grüße, MM

      Reply
      • Markus Liske
        16. April 2012

        Lieber Manfred,
        hab Dank! Was die GEMA betrifft hast du natürlich prinzipiell recht. Es ist letztlich unsere Vertretung. Aber ich denke, sie muss dringend reformiert werden. Ich habe die GEMA zuerst von der anderen Seite kennengelernt, nämlich als Veranstalter. Und da hatte die GEMA nicht unwesentlichen Anteil daran, dass es beispielsweise das Mühsam Fest nicht mehr gibt. Und auch der Anspruch für alles Geld zu verlangen was tönt, auch wenn die entsprechende Band gar nicht Mitglied ist und also keine Ausschüttung bekommt, ist den Leuten schwer zu vermitteln.
        Herzliche Grüße über die Dächer,
        Markus

        Reply
    8. Lilita
      12. April 2012

      Am heutigen Tag hat Herbert Grönemeyer seinen 56. Geburtstag (*13.4.1956). In den letzten 30 Jahren hat er wirklich viele Lieder komponiert, die sicher nicht jeder mag, ich hingegen schon ;). Ich gratuliere Herbert Grönemeyer ganz herzlich zum Geburtstag.

      Reply
      • Markus Liske
        16. April 2012

        Dit is doch ma ‘n lustiger Kommentar – Grüße!

        Reply
    9. Martina Brandl
      12. April 2012

      Kluger und schöner Artikel. Vielen Dank dafür!

      Reply
    10. Hans
      12. April 2012

      Bevor man mit Falschaussagen um sich wirft, sollte man sich vielleicht erstmal informieren, was die Piratenpartei _wirklich_ plant…

      http://www.piratenpartei.de/2012/04/09/101-piraten-sagen-ja-zum-urheber/

      Reply
      • Markus Liske
        16. April 2012

        Nun, die Info, dass auch die totale Abschaffung bei den Piraten weiter diskutiert wird ist (wie ich ausführte) aus einem Schreiben des Berliner Vorsitzenden. Und aus den genannten 101 Stimmen ist beim besten Willen nicht zu erkennen, WAS GENAU diese Partei nun wirklich vor hat. Im Programm findet sich nur die Perspektive, dass ein neues Existenzgeld freien Journalismus, Kunst und ehrenamtliche Tätigkeiten ermöglicht. Das klingt nicht sehr beruhigend. Das klingt nach: Du kriegst das, was für lebensnotwendig erachten – and that’s it. Wenn diese 101 Piraten was zu sagen haben (?), dann sollten sie es – gemeinsam – sagen, also: In’s Programm schreiben. Da gehört es nämlich hin.
        Wie auch immer: Auf dieser Seite erscheint – wenn ich von Tour zurück bin – eine Analyse des Piratenprogramms. Ist wohl fällig.

        Reply
    11. ALF
      19. April 2012

      danke!

      Reply
    12. Greta
      29. April 2012

      Mir fällt bei der Jammer-Nachlese noch ein, dass ich mal darauf aufmerksam machen wollte, dass es wohl kein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz gibt, wonach ein Künstler von seiner Kunst leben können müsse.

      Jedermann – auch der Künstler kann auch einer geregelten Erwerbstätigkeit nachgehen – Harz IV muss also gar nicht sein.

      Arbeit lieber Autor ist nichts Schlechtes, diese besondere Form der gesellschaftlichen Teilhabe bringt oft Geld in die Kasse und trägt auch in geeigneter Weise dazu bei die gesellschaftliche Realität zu erleben und vielleicht auch zu verstehen.

      Ich denke, dass Arbeit und Kunst sich nicht widersprechen auch wenn man sich noch so sehr wünscht auch ohne Arbeit gut leben zu können.

      Kennt einer von Euch einen singenden Baggerfahrer, der unter der Woche die Lausitz mit seinem Bagger durchfurchte um den unbändigen Hunger der Kraftwerke nach Braunkohle zu decken, danach noch dichtete und komponierte und dann an den Wochenenden aufspielte und dabei Säle füllte. Erinnert sich einer an den Schmerz den er hatte, als er arbeitslos wurde, nicht mehr teilhaben durfte am Erwerbsleben.

      Ich frage mich, was er wohl zu dieser Diskussion beitragen würde, wenn er überlebt hätte.

      Und noch Eines – das Konservative, besteht nicht in der Angst vor dem Neuen, sondern im krampfhaft blinden Festhalten an dem Alten!

      Ein paar wohlfeil formulierte Gedanken dazu, wie man das Urheberrecht an die sich manifestierenden neuen gesellschaftlichen Bedingungen anpassen könnte, hätten dem Vorwurf konservativ zu sein vorbeugen können.

      Als einige Alternative hier Harz IV anzuführen, zeugt deutlich von völliger von Angst vor Veränderung geprägter Fantasielosigkeit.

      Selbst so hartnäckig nicht arbeiten gehen zu wollen, ist ein Schlag ins Gesicht derer, die um Kunst konsumieren zu können täglich hart arbeiten gehen.

      So erscheint mir die gesamte Argumentation stark von Angst aber auch politischer Naivität und einer gehörigen Portion Dekadenz geprägt zu sein.

      Das wars jetzt aber
      Gruß
      Greta

      Reply
      • Markus Liske
        30. April 2012

        Ach Gretchen, eigentlich sollte ich deine beiden Kommentare sofort löschen – von diesem Blog und aus meinem Gehirn. Dass ich nur einen (nämlich den längeren, gleichermaßen ekligen aber noch konfuseren) lösche, hat den Grund, dass du mit deiner Ansicht ja nicht allein stehst. Dieses “geht erst mal richtig arbeiten” taucht in den Wortmeldungen der Piraten und ihrer Anhänger reflexhaft immer wieder auf. Dazu folgendes: Es handelt sich hierbei nicht nur um anmaßendes Geschwätz (ich habe – wie die meisten meiner Künstlerkollegen – eine 7-Tage-Woche mit weit mehr als 8 Stunden pro Tag), nein, was in dieser Forderung Ausdruck findet, ist ein faschistoider Anti-Intellektualismus, wie im Nazi-Stück “Schlageter”, wo es heißt: “Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Browning” – ein Zitat, das zwar fälschlicherweise aber durchaus passend gern Hermann Göring zugeschrieben wird. Das Bild vom Künstler, der “keine richtige” Arbeit tut, und wie ein Parasit von denen durchgefüttert werden muss, die “richtige” Arbeit tun, ist im Kern antisemitisch und findet seine grausigste Ausprägung im Schriftzug “Arbeit macht frei” an den Toren der Konzentrationslager.
        Natürlich ist dir das nicht bewusst, und du wirst es sicher auch jetzt nicht verstehen. Aber vielleicht verstehst du ja das: Wenn du Kultur (und die Leute, die sie machen) so scheiße findest, dann konsumiere sie doch einfach nicht! Wer weder Bücher liest, noch Filme oder Musik runterlädt, muss dafür auch nicht bezahlen! Ist doch toll, oder? Es sei denn … deine Piratenfreunde setzen sich mit ihrer neuen Idee einer Kulturflatrate durch – dann musst du tatsächlich für Kultur bezahlen, ob du sie haben willst oder nicht. Die Welt – du merkst schon, liebes Gretchen – kann manchmal ganz schön kompliziert sein … So, und jetzt lösche ich erst mal deinen ersten Kommentar (obgleich man daran schön sehen kann, dass die Befähigung zum Schreiben wirklich nicht jedem gegeben ist) und empfehle dir, keine weiteren Kommentare auf diese Seite zu stellen. Es wäre vergebene Mühe, da ich sie sofort wieder löschen würde. Meine Diskussionsbereitschaft hat nämlich eine konkrete Grenze, die lautet: “Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.” Und faschistische Ansichten, mein armes, dummes Gretchen, werden nicht besser dadurch, dass derjenige, der sie äußert, nicht weiß, dass es faschistische Ansichten sind. Gute Nacht und träum was Schönes!
        ML

        Reply
    13. Ramiro
      23. Mai 2012

      Hallo Markus,
      das ist mein Vorschlag für Euren Blog zum Thema Urheberrechte. Ich suche nach Berichterstattung über einen Selbstversuch den ich jetzt in diesen Minuten im Begriff bin zu beginnen.

      Ich bin junger Musiker aber noch keine GEMA Mitglied. Ich will wissen ob ich ohne die GEMA, Plattenfirmen und das ganze alte System eine Chance habe in diesem Beruf. Ich gebe daher drei meiner Songs für ein Jahr lang kostenlos heraus. Auf einer zweiten Plattform können User dafür auch bezahlen – was bei einem absoluten Nobody wie mir total unwahrscheinlich ist. Oder doch nicht?
      Hat ein Nobody heute noch eine Chance? Ohne die alten Strukturen und das neue Gespamme auf Facebook und Twitter?

      Auf diese Fragen habe ich hoffentlich in einem Jahr Antworten. Und die werde ich mit allen teilen.

      Der Selbstversuch findet hier statt: medamusic.de

      Viele Grüße
      Ramiro

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      • Ramiro
        23. Mai 2012

        medeamusic.de heisst es, entschuldige 🙂

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