Feed on
Posts
Comments

Was is’ nur mit uns Weibern los?

Eine fällt uniformiert aus der Takelage. Wollte als Soldatin zur See, sicherer Beruf, Rentenbezüge, Aufstiegschancen … Na, so sicher das eben ist, einer Armee anzugehören, die regelmäßig in „kriegsähnliche Zustände“ gerät. Es heißt, sie sei noch mal angeschrien worden, kurz bevor es geschah. Von einem Vorgesetzten. Irgendein Klischee-Gebrüll: „Zusammenreißen!“ oder „Hier wird nicht geflennt!“. Angst hatten alle, heißt es. Zu Recht.

Sarah, o Sarah…

 Die Andere stirbt an den Folgen einer Brustoperation. Fiel unterm Messer ins Koma. Mit Dreiundzwanzig. Ihr Mann, die ganz große Liebe, war auf die Idee gekommen: Wer sich bewirbt, kann alles mit ihr machen. Hauptsache er läßt sich dabei filmen. Wie es sich anfühlt, in den Spiegel zu schauen und nur noch ein Ding wahrzunehmen, eine Ware, die es an die Nachfrage anzupassen gilt? Sich selbst mit den Augen der Käufer betrachten. Sie wird die Antwort schuldig bleiben.

Und die Frage nach der „optischen Performance“ beschäftigt ja alle, Teenager wie Rentnerinnen. Komm ich gut rüber? Paß ich zur Farbe meiner Augen? Wie hoch ist mein Marktwert?

Sie war die beste in dem Geschäft, heißt es. Und das alles um nicht auf dem Dorf leben zu müssen. Langeweile oder Ficken.

Carolin, o Carolin…

Dann das Model mit dem Hunger, das sie – angeblich zur Abschreckung – auf Fotos inszenierten, tatsächlich aber unserer Schaulust zum Fraße vorwarfen: Seht, ist DAS nicht schrecklich schön? Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist so real wie unsere Anbetung von Haut und Knochen des magersüchtigen Modells. Geiz macht geil, und wußten sie schon, daß Winterzeit Tatoozeit ist? Artgerechte Motive in Berlins erstem Tatooshop für Kinder – natürlich unter Berücksichtigung der Elterntypen. Ihre Mutter war depressiv, heißt es. (Hat sich inzwischen umgebracht.) Der Vater klagt die Klinik an. Sie hätten seine Tochter vernachlässigt. Naja, sie wollte ums verrecken nichts essen. Und war damit – berühmt geworden, also reich.

Isabell, ach Isabell…

Es ist wirklich nicht leicht, an das Schöne und Wahre zu glauben. Wenn das Schöne die Ware ist und Schönheit Design meint, die Angleichung der Oberfläche an ein Computermodell, des Originals an seine schematisierte Kopie. Wenn die verzweifelten Versuche der Anpassung in Form von Schlagzeilen durch meinen Kopf laufen: „Guten Tag, ich benötige ein Update. Sonst komm ich nicht mehr hinterher.“

Ersetze Körperlichkeit mit Körperdesign und du bist unverdächtig. Ein Kind träumt laut auf dem Kinderkanal: „In der Zukunft wird es natürlich keine echten Hunde mehr geben. Jeden Morgen weckt mich mein Roboterhund. Ich muß nicht rausgehen, denn ich lerne zu Hause, wähle meine Fächer am Touchscreen aus und schon werden die Informationen in mein Gehirn geleitet …“ Mhhh.

Warum ich überhaupt an das Schöne, Wahre und Gute glauben will? Na weil ich unverbesserlich bin. Und an irgendwas glauben muß. Jetzt wißt Ihr’s.

Es ist schon eine Weile her, da lief ich, einer alten Gewohnheit folgend, nachts durch die Häuserschluchten dieser Stadt. Ließ mich ziellos treiben und suchte den Himmel vergeblich nach einem Stern ab, denn Berlin strahlt – je nach Wetterlage und Gemütsverfassung der Betrachtenden, mal in Rosa, mal Giftgrün – von selbst. Lichtverschmutzung heißt das und fällt den meisten gar nicht auf, weil sie nicht nach oben schauen, sondern auf den Verkehr achten, was vernünftig ist. Wozu braucht es auch Sterne, wo doch alles hell erleuchtet ist, von den Schaufenstern der Einkaufs-Kathedralen?

Es fiel ein leichter, schwärmerischer Schnee vom Himmel und für einen kurzen Moment schien die Stadt den Atem anzuhalten. Da bemerkte ich, auf dem August-Bebel-Platz gelandet zu sein, direkt gegenüber des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität. Ein diffuses Licht verbreitete sich von der Platzmitte her und bestrahlte den Flockentanz von unten, ein bezaubernd außerirdischer Anblick. Ich folgte dem schönen Schein quer über den Platz und erkannte unter einer gläsernen Platte direkt unter meinen Füßen einen weiß getünchten Raum mit Regalen – für Bücher. Da stand ich nun, schwebend über einer leeren Bibliothek, einem Denkmal. Hier brannten im Mai ’33 die Bücher, bergeweise. Auch damals gab es keine Sterne am Himmel zu sehen, der meterhohen Flammen wegen.

Letztes Jahr wiederholte ich diesen Spaziergang. Auch so eine Gewohnheit. Ab und zu die bekannten Wege abzulaufen auf der Suche nach -Veränderungen, die es ja immerzu gibt. Was hat mich mehr befremdet, in jener Nacht, der Anblick des zugestellten Bebel-Platzes, das verschwundene Denkmal, das den Roten Teppichen der „Berlin-Fashion-Week“ gewichen war oder die Tatsache, daß es mich noch befremdet? Irgendein Event ist immer wichtiger – als ein Vogel zum Beispiel oder eine Butterblume oder ein Denkmal. „Das war nur ein Vorspiel. Dort, wo man Bücher verbrennt…“

Die Kannibalen-Messe ist eröffnet, Gunther von Hagens und Karl Lagerfeld haben keine Zeit. Aber wäre das nicht ein Paar? „Geile Leichen-Performance! Die Fashion-Week auf Weltniveau! Mit ECHTEN Stars!“ Oder wäre es umgekehrt? Echte Leichen – die Welt auf Berlin-Niveau . .?

Spurensucher sehen was, was du nicht siehst. Geschichte und Geschichten finden sich überall um uns herum, hinter dieser Tür, in unseren Gesichtern, den Zeilen der Lebenden und der Toten, auf Fotografien, in der Musik, in jeder Kleinigkeit. An der Art, wie eine geht, läßt sich mitunter mehr erkennen als an allen Worten, die sie, so über Stunden verteilt, in den Tag hinein verliert. Und ich meine nicht die Inszenierung, sondern den Moment, in dem man vergißt, wo und wer man ist, etwas so Nebensächliches tut, wie Brötchen holen. Oder Zigaretten. An der Bushaltestelle vor den Büchertischen unterhalten sich Zwei. Und ihre schrillen Stimmen übertönen tatsächlich das Rauschen der Straße:

Ej, die Alte sah voll häßlich aus!“

Echt? Erzähl!“

Na so … so … so voll behindert …“

Wie jetz’? Die war behindert?“

Nee, die hatte so Brille. So … INTELLEKTUELL!“

Boah ihhh. Wie eklig is’ das denn!“

Dorothy Parker hat mal gesagt, daß es ihrer Ansicht nach zwei Arten von Menschen gibt.

Diejenigen, die überhaupt keine Hoffnung haben, und diejenigen, die viel zu viel davon haben.“

Dann hat sie hinzugefügt:

Ich für meinen Teil gehöre ohne Zweifel zu beiden Gruppen.“

Und später, nach dem sechsten Martini:

If I had a shiny gun

I could have a wold of fun

Speeding bullets through the brains

Of the folk who give me pains.

Dorothy, ach Dorothy!

Manja Präkels

Bookmark and Share

oder: Die Piraten auf ideologischer Kaperfahrt

 „Mir gefällt das Programm der Piraten. Die sind nicht von oben herab. Das ist angenehm. Was die wollen, ist was wir – die Allgemeinheit – uns wünschen. Die Piraten gehen auf einen ein. Man kennt sonst von Politikern nur, dass sie irgendetwas erzählen, bei dem man sich fragt, ob man das überhaupt braucht.“ Pünktchen, 25, Theaterplastikerin, Berlin

Ich habe sie schon gewählt und werde sie wieder wählen, weil ich sie cool finde. So genau kann ich auch nicht sagen, wieso das so ist. Ich beschäftige mich an sich nicht so viel mit Politik. Aber mir gefällt, dass grundsätzlich alles so offen ist bei denen.“ Sarah Krüger, 27, Auszubildende, Berlin

Die Piraten kommen!“ – 2500 Jahre lang hätte jeder auf diesen Ruf wie folgt reagiert: all seine Wertsachen in der Kabine einschließen, Schwert, Pistole oder was auch immer nehmen, an Deck stürmen und um sein Leben kämpfen. Heute greifen allenfalls jene zum Schwert, deren Existenz am Urheberrecht hängt. Den modernen Piraten attestiert man „Charme“ und „Ehrlichkeit“ oder findet sie zumindest unterhaltsam. Dies gilt nicht nur für ihre potentiellen Wähler (immerhin 12 Prozent der Bevölkerung), für Angela Merkel (die den Piraten voraussichtlich ihre nächste Kanzlerschaft verdanken wird) und für stets sensationsgeile Fernsehmacher, es gilt auch für die meisten politischen Kommentatoren – „von Faz bis Taz“, wie man so sagt. Nicht jeder versteigt sich dabei in so unfassbaren Blödsinn wie Jakob Augstein, der die Piraten zu „guten Populisten“ verklärt und daraus einen zivilisatorischen Vorsprung Deutschlands gegenüber den schlimmen Nazi-Nachbarn Frankreich (LePen) und Niederlande (Wilders) ableitet. Aber, ob da jemand wie Stefan Kuzmany (ebenfalls auf SpiegelOnline) den Piraten im väterlichem Ton ein paar Dinge zu erklären versucht oder ein Georg Fülberth sich in der aktuellen Konkret auf die gewohnte Position zurückzieht, dass der Kapitalismus ja eh in Auflösung befindlich ist und es mithin egal sei, was die Piraten wollen – „charmant“ und „ehrlich“ finden sie sie allemal und übersehen dabei gerne, dass der Erfolg der Piraten etwas zutiefst Beunruhigendes in sich birgt, bedenkt man den Zustand der Gesellschaft, der diesen Erfolg ermöglicht.

Was die Kommentatoren so charmant an den Piraten finden, ist, dass sie von nahezu nichts eine Ahnung haben, aber trotzdem mitmischen wollen – „irgendwie“ für „irgendwas“ und mit ordentlich Wirbel. Was die Kommentatoren ehrlich finden, ist, dass die Piraten diese fehlende Ahnung sogar im Parteiprogramm fixierten, indem sie Außen-, Wirtschafts- oder Sozialpolitik gar nicht erwähnen, der Umweltpolitik gerade mal vier schwammige Zeilen gönnen und der Energiepolitik sogar nur drei (in denen das Wort Atomkraft nicht auftaucht). Der umso größere Netiquette- bzw. Nettiquette-Klops im Programm spricht sich zwar gegen Rassimus und für „freie Selbstbestimmung von geschlechtlicher und sexueller Identität bzw. Orientierung“ aus, schweigt aber ausdrücklich (Kristina Schröder wird’s freuen) zu Sexismus und Emanzipation. Und geradezu dröhnend tönt das programmatische Schweigen zu allen Kapitalismusfragen: Ob Managergehälter, Mindestlohndebatte, „Finanz-“ und „Eurokrise“, Bankenrettung aus Steuergeldern, Investment-Amok oder Rating-Agenturen die Diktaturen auf- und Demokratien abwerten – das alles gibt es gar nicht in der Welt der Piraten. Hier gibt es nur den Wunsch nach „offenen Märkten“ und ein abermals sehr schwammiges Bekenntnis zu einer Existenzsicherung für alle – eine Forderung, die man (obgleich sich die Idee sogar im FDP-Programm findet) anscheinend für so monströs und potentiell linksradikal hält, dass man schnell noch die Beteuerung anhängt: „Wir wollen Armut verhindern, nicht Reichtum.“

Wer die Piraten nicht so lustig findet, das sind (neben der FDP) vor allem Grüne und Linke. Ihnen wird langsam klar, dass es diese „Mehrheit links von der Mitte“, von der sie nach Wahlen regelmäßig träumen (obgleich diese schon daran scheitert, dass die sich SPD in absehbarer Zeit kein Zentimeterchen mehr nach links bewegen wird), eine Chimäre ist. Denn auch ihre Jungwähler wandern zu den Piraten und machen damit deutlich, dass sie ihr Kreuzchen bei Grünen oder Linken bisher nicht wegen sondern trotz der linken Restposten in deren Programmen gemacht haben. So wenig, wie die Piratenpartei „links“ zu verorten ist, so wenig sind es auch ihre jungen Wähler. Ja, sofern diese vorher die Grünen wählten – das wird nun offensichtlich –, waren es wohl weniger Umwelt- oder Energiepolitik, die sie dazu brachten, als vielmehr Claudia Roths bunte Kleider, Cem Özdemirs Koteletten und die lustigen, bunten Plakate mit den Sonnenblumen. Hätte die FDP ihre Führungsriege frühzeitig entschlipst und eine coole PR-Agentur aus dem Pop-Bereich engagiert, es hätte die Piraten vielleicht nie gegeben.

Was die Piratenpartei neben ihren zwei Kernthemen (Abschaffung des geistigen Eigentums und „Transparenz“) wirklich ausmacht, was also sozusagen ihren Markenkern bildet, ist gleichzeitig dessen Hülle: Extrem gutes Marketing. Auf sich aufmerksam machen und massentauglich erscheinen – das können die Piraten, das haben sie im Internet gelernt. Die Farbe Orange ist immer noch die beliebteste Wandfarbe in Berliner Clubs, und die schwarze Fahne ist so schick designet, dass sie zwar weiter für Rebellion steht, aber auch der konservativste Kommentator niemals den „schwarzen Block“ assoziieren könnte. Die Plakate sind zuweilen ziemlich witzig, die Kandidaten, die darauf abgebildet sind, tragen meist lässigen Retro-Style. Und das beste ist der Name: „Piraten“. Das klingt romantisch und frei. Damit kann jeder was anfangen. Die Jüngeren assoziieren dabei eben „Fluch der Karibik“, die Älteren vielleicht jene Piratensender, die uns früher damit erfreuten, ohne Lizenz unsere Musik zu spielen, wenn die von den öffentlich-rechtlichen Sender verschmäht wurde. Letztere Assoziation wirkt sehr sympathisch, ist aber leider unangebracht. Die Piratensender klauten nämlich keine Musik, sondern machten Werbung für sie. Erstere Assoziation klingt dagegen eher dämlich, ist aber relativ zutreffend: „Fluch der Karibik“ ist ein unterhaltsamer und cool durchdesigneter Film, massentauglich und weitgehend inhaltsfrei, mit Hauptdarstellern die allerlei lustigen Unsinn reden. Das kommt der medial erfahrbaren Parteiwirklichkeit der Piraten schon ziemlich nah.

Im „Piratenkodex“ (der Partei, nicht etwa des Films!) heißt es: „Piraten sind frei. Piraten handeln nur freiwillig. Piraten leben privat. Piraten fragen nach“, usw. Das mieft zwar alles ein bisschen nach Pfadfinderehre oder Sesamstraße (die im Kodex sogar zitiert wird), aber es kommt auch noch besser: „Piraten sind weder heilig, noch erleuchtet. Piraten sind durch ihre eigene Hölle gegangen. Piraten haben ihre Schatten und Dämonen angeschaut, angenommen, offenbart und durchschaut.“ Und wem das noch nicht abgefahren genug ist, für den gibt es dies: „Sie gehen aufrecht, haben ein Funkeln in den Augen und ein Schmunzeln auf den Lippen. (…) Das Feuer brennt in ihrem Bauch!“ Ein bisschen Politik kommt natürlich auch drin vor: Für linke bzw. grüne Sympathisanten beispielsweise gibt es vage Bekenntnisse gegen Diskriminierung sowie für eine saubere Umwelt, und natürlich wird auch im Kodex (wie schon im Programm) versichert, dass die Besitzenden keine Angst haben müssen: „Piraten sind keine Räuber. Hiermit ist Respekt vor geltenden Gesetzen und materiellem Privateigentum zum Ausdruck gebracht“ – wohlgemerkt: nur materiellem, nicht geistigem Eigentum. Inhaltlich gibt es also kaum Abweichungen zwischen Kodex und Programm, aber während das Programm sich tapfer müht, seriös zu klingen, wird im Kodex schon über die Sprache deutlich, was die Piraten wirklich sind: irgendwie jung, irgendwie anders, irgendwie cool. Und mit diesem Nimbus schaffen sie es, alle Belege ihrer politischen Unkenntnis, das ganze oft peinliche und sich ständig widersprechende Gestammel in Interviews oder Talkshows ehrlich und authentisch wirken zu lassen. Das funktioniert, weil sich ihre Wähler (zieht man die reinen Protestwähler ab) in diesem Gestammel leider tatsächlich wiedererkennen.

Mit den Piraten drängt jene Generation zu Mitbestimmung und Macht, die seit nunmehr 12 Jahren für anhaltend miserable Ergebnisse in der PISA-Studie sorgt (ganz schlecht: Leseverständnis!), denen man mit Bachelor-Scheuklappenstudiengängen interdisziplinäres Weltverständnis verwehrte und deren Ersterfahrungen auf dem Arbeitsmarkt durch unbezahlte Praktika geprägt wurden. Kein Wunder also, dass Bildungsfragen (Abschaffung von Studiengebühren etc.) im Piratenprogramm relativ viel Platz eingeräumt wird. Kein Wunder aber auch, dass man fälschlicherweise glaubt, im Zeitalter von Wikipedia und Google auf Allgemeinbildung verzichten zu können. So heißt es im Programm: „Ein immer größerer Teil des zum Verständnis nötigen Wissens wird also nicht durch Allgemeinbildung geliefert, sondern bei Bedarf erworben.“ Gemeint ist: Eigenständig im Internet, jenem Medium also, das – durch seinen Zwang zur Kürze – dazu neigt, komplexe Themen auf Plattitüden zu reduzieren, und das jeder noch so irren Weltsicht zuverlässig Argumente liefert. Deshalb klingen die Wähler der Piraten in Umfragen meist ebenso konfus, wie die Kandidaten der Partei, nicht nur die beiden eingangs zitierten Pünktchen und Sarah. Aus den verschiedenen Wortmeldung offenbart sich ein manchmal amüsantes, manchmal schlicht erschreckendes Patchwork irgendwie im Netz aufgeschnappter „Infos“, sowohl zu politischen Themenfeldern, als auch über diese Piratenpartei, die sie zu wählen gedenken. Man lädt sich sozusagen die Begeisterung für diese Partei runter wie ein Computerprogramm, bei dem man ja meist auch sein Häkchen ins Feld „Lizenzvereinbarung gelesen“ macht, ohne diese auch nur überflogen haben. Lizenzvereinbarungen oder Parteiprogramme zu lesen kostet Zeit, und Zeit hat man im Internet nicht. Wird schon alles okay sein … Mit der Auslagerung der „Allgemeinbildung“ (meint: Geschichte, Philosophie, Geographie, Politologie etc.) vom eigenen Hirn ins Internet, wird aber nicht nur das Weltverständnis des Einzelnen auf Schlagworte verkürzt, auch der argumentative Kampf zwischen Sicht- und Denkweisen (Grundlage der demokratischen Gesellschaft) ist so nicht mehr möglich und soll – nach der Ideologie der Piraten – durch das gemeinsame Surren des „Schwarms“ ersetzt werden, der mit kollektiver Intelligenz aus allem Halbwissen am Ende schon das Bestmögliche hervorbringt.

Dieser Glaube an die „Schwarmintelligenz“ – für die Piraten Idealvorstellung demokratischer Meinungsbildung – ist mitnichten eine demokratische Idee. Die Staaten von Bienen, Wespen oder Ameisen sind keine Demokratien. Grundlage der Demokratie ist das Individuum, das eigene Interessen hat, die es im Bund mit anderen Individuen durchzusetzen trachtet. Grundlage der Schwarmintelligenz ist das Kollektiv mit behaupteten kollektiven Interessen. Hier scheint (auch wenn man einen internationalistischen Anspruch zugrunde legt) eine bedenkliche anti-individualistische Volkskörper-Ideologie durch. Offensichtlich wird das, wenn es zur Urheberrechtsfrage (einem der zwei Kernthemen der Partei) im Programm heißt: „Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maß auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen.“ Mit diesem Satz will die Piratenpartei begründen, dass dem Künstler, das von ihm geschaffene Werk nicht gehört, sondern Besitz des Volkskörpers („Schwarms“) ist und von diesem frei kopiert und überall verwendet werden kann. Gemeint ist: Der Autor verliert nicht nur das Recht auf eine angemessene Entlohnung, sondern auch die Entscheidungsfreiheit in welchem Rahmen er sein Werk gedruckt sehen möchte. Findet er sich also – etwa mit einer lustigen Alltagsgeschichte – plötzlich im Autorenverzeichnis der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ wieder, muss er das hinnehmen, schließlich sind wir ja alle (die Piraten, die „Junge Freiheit“ und die Autoren) irgendwie „ein Schwarm“. Als Tobias Künzel von der Band Die Prinzen kürzlich in einem SAT1-Talk berichtete, er habe einen seiner Songs als Untermalung eines Nazi-Hetzvideos auf YouTube entdeckt, antwortete Piraten-Vertreter und Grufti-Produzent Bruno Kramm sinngemäß: „Ist das so schlimm?“ *

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die mangelnde Abgrenzung der Piraten nach Rechts neue Bedeutung. Wenn da der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz über einen Holocaust-Leugner in seiner Partei sagt, der sei „bereits 2008 dafür verwarnt worden und man kann nach den Grundsätzen der Rechtsprechung nicht jemanden zweimal für dasselbe Vergehen bestrafen“, so offenbart sich darin nicht nur der übliche Piratenunsinn (eine Verwarnung ist keine Bestrafung, sondern deren Ankündigung), sondern auch die Abkehr vom alten Grundsatz, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen ist. Und das hat sogar eine gewisse Logik, denn, dass die Piraten faschistische Ansichten zulassen, ist ihrem Anspruch geschuldet, eben nicht eine Interessengruppe zu vertreten, sondern alle, den ganzen „Schwarm“, vulgo: das Volk. Dies ist weder eine basisdemokratische noch gar eine anarchistische Vorstellung, dies ist – da es sich hier eben nicht um eine systemalternativ agierende Graswurzelbewegung, sondern um eine wählbare Partei handelt – schlichtweg Populismus, also: Der Masse nach dem Maul reden, wo immer es diese Masse gerade hintreibt. Insofern lag FDP-Generalsekretär Patrick Döring (nicht nur blinde, auch blöde Hühner stolpern mal über ein Korn) mit seinem Begriff von der „Tyrannei der Masse“ gar nicht so falsch. Allerdings ist das keine Spezialität der Piraten, sondern parteipolitischer Zeitgeist. So wurde noch 2003 ein Martin Hohmann aus der CDU ausgeschlossen, weil er die Juden als „Tätervolk“ bezeichnete, während heutzutage ein Thilo Sarrazin trotz seiner kryptofaschistischen Thesen SPD-Mitglied bleiben darf, einfach deshalb, weil so viele Leute ihn toll finden. Ob dagegen der Populismus der Piraten ein „guter Populismus“ (Jakob Augstein) ist, weil diese gerade – 67 Jahre nach Kriegsende! – allen Ernstes per Parteitagsbeschluss entschieden haben, dass es einen Holocaust gab, sei dahingestellt. Wenn es eine tatsächliche Besonderheit des Piraten-Populismus gibt, so die, dass er hier als Basisdemokratie missverstanden und also offen proklamiert wird. Man ist sogar ein bisschen stolz auf all die Irren in der Partei und sammelt ihre Kommentare inzwischen auf einer eigenen Website.

Sucht man einen Vergleichsmaßstab für die Piraten in der Parteienhistorie, bieten sich weniger die Grünen der frühen als vielmehr die Republikaner der späten achtziger Jahre an. Auch hier drängte eine Partei an die Macht, die mit sehr schwammigen Vorstellungen (irgendwie deutsch und national) und zwei Kernthemen („Überfremdung“ und Ablehnung der EG) überraschend viel Zuspruch bekam. Genau wie heute die Piraten, hatten sie das Glück, von sehr vielen Leuten aus den falschen Gründen (beziehungsweise aus „Protest“) gewählt zu werden, und das Problem, plötzlich mehr Führungspersonal stellen zu müssen, als sie eigentlich hatten, weshalb sich die eilig Berufenen dann auch gleich um Kopf und Kragen plapperten. Was den Republikanern dagegen glücklicherweise fehlte, war der Piraten-Kniff, dieses widersprüchliche Gestammel cool und neu erscheinen zu lassen. Das allgemeine Bildungsniveau war vielleicht noch nicht tief genug gesunken. Trotzdem hatten die Wahlerfolge der Republikaner (und der gleichtönenden DVU) einen nicht zu unterschätzenden Anteil am nationalistischen Rollback der frühen neunziger Jahre, bis hin zur de facto-Abschaffung des Asylrechts im Zuge der Pogrome von Hoyerswerda und Rostock. Denn noch immer haben die etablierten Parteien versucht, eine Konkurrenz, die plötzlich mit 8% (Reps) oder 13% (Piraten) Zustimmung daherkommt, zu neutralisieren, indem sie ihr die Themen klauen. In der Politik gab es nie ein Urheberrecht.

Nun sind aber die Piraten ebenso wenig eine rechte wie eine linke Partei, auch wenn ihr Berliner Fraktionschef ihren grandiosen Aufstieg unlängst mit dem der NSDAP verglich und im Nachklang immerhin den Anstand hatte, beim Reichs … äh Bundesparteitag doch nicht für den Vorsitz zu kandidieren, und auch, wenn der Berlin-Vorsitzende Hartmut Semken schreibt: „Ich anerkenne, dass wir ein Naziproblem bei den Piraten haben“. Nein, die Piraten sind vor allem eine Internet-Plattform auf der mehrheitlich junge, täglich im Netz herumgoogelnde Menschen politischen Meinungsaustausch betreiben. Wen kann es wundern, dass sich in diesem Austausch dann auch all der widerliche Blödsinn abbildet, mit dem das Netz so aufwartet: Antisemitismus, Biologismen und Verschwörungstheorien aller Art. Bei all dem sind diese jungen Leute aber mehrheitlich vor allem von neoliberalem Gedankengut durchdrungen und halten das Medium Internet für eine irgendwie bessere Parallelwelt, weshalb sie dessen Mechanismen zu ihrer Ideologie gemacht haben. Letzteres ist vor allem infantil-absurd, ersteres qualifiziert sie zur Teilnahme an der überparteilichen Diktatur der „Mitte“, wie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel (da zahlen sich die Jahre als Pop-Beauftragter seiner Partei aus) als erster bemerkt hat und gleich ein Koalitionsangebot unterbreitete. Man kann diese Mixtur aus unreflektiertem Neoliberalismus und ins Religiöse driftender Internet-Affinität aber nicht den Piraten, man muss es den Zeitläuften (also den politischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen der letzten 20 Jahre) zur Last legen. Das gesellschaftliche Sein bestimmt eben tatsächlich das Bewusstsein.

So merken die Piraten dann auch nicht, dass sie mit ihrem Kampf gegen das Urheberrecht auf Kaperfahrt für die großen Internetkonzerne gehen. Selbst der offensichtliche Widerspruch, wenn sie einen relativ unprätentiösen Künstler wie Sven Regener als „reichen Sack“ beschimpfen und gleichzeitig kein Problem damit haben, dass ihr Raubzug gegen dessen geistiges Eigentum ganz widerlich reiche Säcke wie Kim Schmitz hervorbringt, fällt ihnen nicht negativ auf. Ebenso wenig merken sie, dass alle bislang vorgebrachten Ideen, wie man den Urhebern vielleicht doch noch etwas Entlohnung zukommen lassen könnte (101 Piraten haben ja kürzlich gemerkt, dass das wohl doch nötig ist **), ganz gleich ob man das Ergebnis dann Kulturwertmark oder Kulturflatrate nennt, entweder ihrem Anspruch auf Anonymität im Netz oder dem auf freien Netzzugang zuwiderlaufen. Weder merken sie, dass ihr Begehren nach kostenloser Kultur am Ende diese Kultur schwer beschädigen wird, noch, dass ihre Idee, für demokratische Abstimmungsvorgänge das Internet heranzuziehen, letztlich eine umfassende persönliche Registrierung voraussetzt, die einer totalen Überwachung des Netzes in die Hände spielt. Denn die virtuelle Welt des Netzes könnte nur dann freier sein als die uns umgebende Realität, wenn sie von dieser möglichst weitreichend entkoppelt bliebe. Aber dieser Zug ist längst abgefahren und das Internet ein so bedeutender Handelsplatz geworden, dass alle Kämpfe um die bereits jetzt nicht mehr denkbare Freiheit des Netzes nur Rückzugsgefechte sein können. Diese Tatsache sollte man sich bewusst machen, um nicht in blindem Aktionismus sinnvolle Infrastrukturen zu zerstören, wie etwa das Urheberrecht.

Offensichtliche Widersprüche dieser Art aber lassen die Piraten kalt. Es widerspricht ihrer auf Aktionismus und kindliches Lernen per Fehler und Neustart ausgerichteten Ideologie, Probleme theoretisch zu Ende zu denken. Ja, in den Netzkommentaren zum Urheberrechtsstreit offenbart sich sogar eine ausgesprochene Theoriefeindlichkeit, wenn da wohldurchdachten Argumenten ein tausendfaches „Trotzdem!“ entgegenschlägt. So wird es sicher noch eine Weile dauern, bis die Intelligenteren in der Partei etwa feststellen, dass Basisdemokratie zumindest ein ganz anderes gesellschaftliches Umfeld braucht, wenn man nicht plötzlich – beispielsweise nach einem reißerischen BILD-Artikel – gezwungen sein möchte, etwa die Todesstrafe für Kinderschänder zu fordern. Denn ob sich basisdemokratische Entscheidungen positiv oder negativ auf die Gesellschaft auswirken, hängt vom Zustand dieser Gesellschaft ab – vom Bildungsgrad und den allgemeinen Lebensumständen der Menschen. Nur weil die Masse etwas für richtig hält, muss es das nicht sein. Man braucht da gar nicht mit der Pogrom- oder Hexenverbrennungskeule zu kommen, es reicht, mal einen Blick in die basisdemokratisch verfasste Schweiz zu werfen. Dort wurde das Wahlrecht für Frauen auf Bundesebene erst 1971 eingeführt, im letzten Kanton sogar erst 1990 (!) Zum Vergleich: In der Türkei wählen Frauen seit 1930, und selbst im Iran schon seit 1963. Mein Vorschlag: Vielleicht einfach noch mal googeln, was für Probleme so eine Basisdemokratie machen kann und sich dazu Lösungen einfallen lassen – möglichst bevor (!) man sich mit seiner – nur scheinbar neuen – Idee zur Wahl stellt.

Genau das ist das Hauptproblem der Piraten: Ihre Geschichtslosigkeit. Es ist ihnen nicht bewusst, dass die immerhin partiell vorhandene Freiheit von Kunst und Wissenschaft, die mit dem Urheberrecht verknüpft ist, eine ebenso großartige wie historisch noch ziemlich junge Errungenschaft ist. „Dann müsst ihr eben mal richtig arbeiten gehen!“, brüllten die Piratenfreunde im Anti-Regener-Shitstorm massenhaft den Künstlern entgegen und merkten nicht einmal, dass sie dabei klangen wie ihre faschistischen Urgroßeltern. Spätestens an diesem Punkt wurde klar, dass es hier nicht „nur“ gegen das Urheberrecht geht. Derselbe Furor, mit dem die Piraten derzeit gegen Verwertungsgesellschaften im allgemeinen vorgehen (eigentlich kennen sie nur die GEMA, eine durchaus kritisch zu betrachtende Vertreterin dieses Systems), wird sich sicher schon bald gegen Gewerkschaften und andere sinnvolle Netzwerke richten. Warum? Weil das alles so behäbig und uncool aussieht und weil sie, die ewigen Praktikanten, die in prekären Arbeitsverhältnissen versuchen müssen mit virtueller Arbeit virtuelles Geld zu verdienen, von diesen Institutionen nicht oder nur unzureichend geschützt werden. Und so, wie die Geringverdiener in unserer Gesellschaft nach jahrzehntelanger neoliberaler Hirnwäsche inzwischen eher die Absenkung von HartzIV fordern als eine Lohnerhöhung für sich selbst, wollen die Piraten und ihre Internet-Klientel die eigene prekäre Existenz zum Maßstab für alle machen, statt mehr Schutz für sich selbst zu erkämpfen. Wo mal Arbeitsschutz war, soll es ein Grundeinkommen geben, das alle – in der realen Umsetzung wahrscheinlich weit unterhalb des HartzIV-Niveaus – irgendwie absichert, damit sie ihre Arbeitskraft frohgemut in einem gänzlich unregulierten Markt knapp über Nulltarif feilbieten können.

Solche Vorstellungen sind nicht neu, es gibt bereits eine Partei für sie, die heißt: FDP. Von dieser Partei unterscheiden sich die Piraten eigentlich nur über ihre Optik, die Überhöhung des Internets und ihr zweites Kernthema: „Transparenz“. Während die FDP der Inbegriff von Kungelrunden und einem mehr oder minder verschleierten Lobbyismus ist, wollen die Piraten alle Entscheidungswege offenlegen. Nein, nicht alle. Auch hier sind den stets zur „Mitte“ strebenden Piraten schon gewisse mögliche Problemfelder aufgefallen, deswegen schreiben sie: „Seine Schranken findet dieses Recht in den Bestimmungen zum Schutz der Persönlichkeitsrechte, der nationalen Sicherheit, zur Verhinderung von Straftaten und ähnlichem.“ Abgesehen davon, dass Politik und Wirtschaft schon eine Menge „Ähnliches“ finden würde, wenn diese Transparenz Gesetz wäre, drückt sich in der Forderung der Piraten weniger ein ernsthaftes politisches Ansinnen aus, als vielmehr der kindliche Wunsch, alles zu wissen ohne für dieses Wissen Anstrengungen unternehmen zu müssen, klare „Infos“ serviert zu kriegen, statt sich mit Analysen abquälen zu müssen. Liest man nämlich regelmäßig verschiedene Zeitungen und das eine oder andere Buch, werden einem die meisten politischen Entscheidungen schon jetzt ziemlich transparent, ganz ohne Offenlegung von Billionen und Aberbillionen von Datensätzen. Im Ernst: Wer soll denn das alles lesen? Niemand wird das tun, niemand kann das tun. Ganz davon abgesehen, dass auch dieser gigantische Haufen Datenmüll erst mal interpretiert werden müsste, weil Schriftsprache kein Binärcode ist. Nein, eine solche Transparenz (so charmant auch dieser Ansatz scheinen mag) würde wahrscheinlich sogar das Gegenteil bewirken – im Bewusstsein, dass nun alles offen daliegt, würde keiner mehr richtig hinschauen. Transparenz als bloße Behauptung also, wie Freundschaft bei Facebook.

Kinder an die Macht“ sang Herbert Grönemeyer 1986 und ich war sicher nicht der einzige, der diese Vorstellung schon damals gruselig fand. Kinder können, wie man weiß, grausam sein. Sie sind irrational, unberechenbar und sprunghaft, haben weder Erfahrungen noch Wissen auf das sie zurückgreifen könnten, plappern den größten Unsinn nach, sperren sich mit Trotz gegen Vernunft und müssten als Machthaber daher zwangsläufig jeden Irrsinn den die Menschheit bereits durchlitten hat, noch einmal erfinden. Schön nachzulesen ist eine solche infernalische Situation zum Beispiel in William Goldings Roman „Herr der Fliegen“. Im romantisierenden Pathos Herbert Grönemeyers aber heißt es: „Sie sind die wahren Anarchisten / lieben das Chaos, räumen ab / kennen keine Rechte, keine Pflichten / ungebeugte Kraft, massenhaft / ungestümer Stolz“. Das klingt nicht nur wie der bereits zitierte „Piratenkodex“, das ist auch genau der Eindruck, den derzeit viele Wähler von den Piraten haben. Ein Eindruck, der sich bei den Älteren vielleicht mit der Sehnsucht nach der eigenen rebellischen Jugend, bei den Jüngeren mit dem Wunsch nach einem gesellschaftlichen Neustart verbindet. Aber die Rebellion, die hier stattfindet, erinnert eher an ein unreflektiertes Aufbäumen mit katastrophalem Ausgang, wie etwa im James Dean-Klassiker „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und einen Neustart könnte es nur geben, wenn man bereit wäre, die Systemfrage zu stellen. Dass die Piraten dazu nicht bereit sind, beruhigt mich persönlich sehr, da ich mir wahrlich nicht vorstellen möchte, als vom Schwarm ferngesteuerte Drohne in einem digital-faschistischen Insektenstaat zu leben. Die Enttäuschung derer aber, die sich von den Piraten grundlegende Veränderungen erhoffen, muss somit zwangsläufig auf dem Fuße folgen, und hat beim einen oder anderen sicher schon eingesetzt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es die Piraten in 10 Jahren noch gibt, ist gering. Am Ende wird diese Partei aber nicht an organisatorischen Schwierigkeiten oder geistigen Aussetzern einzelner Führungspersönlichkeiten scheitern, sondern schlichtweg an fehlender politischer Substanz im lauten Surren des ganzen Schwarms. Die Frage ist eigentlich nur, wie lange die Piraten ihre hohen Umfragewerte halten können und wie viel gesellschaftliches Porzellan beim Toben der Kinder zu Bruch geht – oder besser: beim Versuch der etablierten Parteien, dem Toben der Kinder entgegenzukommen. Hoffentlich wird man also, wenn der Spuk vorbei ist, wie Kapitän Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“, noch schmunzelnd konstatieren können: „Also, ich finde das alles sehr hübsch. Wir sind doch schließlich alle irgendwie weitergekommen. Spirituell, dramatisch, menschlich.“

Was nun aber den eingangs erwähnten Zustand einer Gesellschaft angeht, in der ein virtuelles Konstrukt wie die Piratenpartei zu einem realen Machtfaktor werden kann, kann man wohl gar nicht schwarz genug sehen. Allerdings hätte es für diese Erkenntnis auch wieder keine neue Partei gebraucht. Die schon vorhandene intellektuelle Krabbelgruppe, von Emanzipationsverächterin und Extremismussirene Kristina Schröder (CDU) über Kuscheltiersammlerin Andrea Nahles (SPD) bis hin zum ultimativen Klassendeppen Philipp Rößler (FDP)***, wäre wirklich Beleg genug gewesen. Auch als Qualitätstest für Kommentatoren hätte es die Piraten nicht gebraucht. Um bei den drei eingangs erwähnten zu bleiben: Dass Stefan Kuzmany ein vermutlich ganz angenehmer Zeitgenosse mit satirischen Neigungen ist, ist mir spätestens seit seinem Kommentar zum Einheitsdenkmal klar. Jakob Augstein hat sich schon mit Papst-Hymnen und Grass-Verteidigung ausreichend disqualifiziert. Und Georg Fülberth wartet seit Jahren so angenehm tiefenentspannt auf das Ende des Kapitalismus, dass man sich am liebsten mit einem guten Cognak zu ihm setzen würde, aber dafür bin ich wohl einfach noch nicht alt genug. Dass der Zeitgeist ein lächerlicher ist, macht ihn nicht weniger bedrohlich für jene, die noch ein paar Jahrzehnte unter seiner Knute werden leben müssen. Mag der Angriff der Piraten auch bald überstanden sein, ihre Klientel wird bleiben und wachsen.

Markus Liske

* Würde die Antwort gern richtig zitieren. Habe die Sendung, in die ich da nachts zufällig reinzappte, aber im Netz nicht gefunden.

** Eine ganze Reihe dieser widersprüchlichen Wortmeldungen der 101 konfusen Piraten wurde kürzlich sehr amüsant von Volker Strübing kommentiert. Ich selbst bin, aus Angst vor bleibenden Schäden, schon nach 10 Piratenstimmen ausgestiegen …

*** CSU, Grüne und Linke mögen mir verzeihen, dass sie in dieser Aufzählung keine Erwähnung finden. Ist nur dem Satzrhythmus geschuldet. Passende Kandidaten gäbe es auch bei ihnen genug.

 

 

Bookmark and Share

oder: Der Künstler im Zeitalter seiner digitalen Enteignung

Die Orientierung von allem und jedem ausschließlich an ökonomischen Interessen (vornehmlich natürlich an den eigenen) tut ihr Übriges, um eine Sichtweise zu etablieren, die sich, paradox genug, durch einen hedonistischen und zugleich antiindivualistischen Furor auszeichnet, der leicht ins Kannibalistische abgleiten kann. Das Resultat ist eine sehr spezielle Einsichtslosigkeit in die Notwendigkeit jener vom Gesetz garantierten Freiheitsräume, die Wissenschaft und Kultur wie der Mensch die Luft zum Atmen brauchen.“ Roland Reuß in Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit“

Da hat er unlängst mal die Faxen dicke gehabt, der Sven Regener, Schriftsteller und Sänger von Element of Crime. In einem wütenden Monolog ereiferte er sich im BR über die immer miserabler werdende Produktionsbedingungen für Künstler in dieser Gesellschaft. „Man pisst und ins Gesicht!“, sagte er und meinte die sogenannte „Netzgemeinde“, insbesondere vertreten durch die gerade furios erfolgreiche Piratenpartei. Denn die Abschaffung des Urheberrechts wird hier nicht nur debattiert, sondern seit Jahren exzessiv praktiziert und als „Freiheit“ gefeiert. Dass das Urheberrecht die wesentliche Säule für das Einkommen von Künstlern wie Regener darstellt, diese also in ihrer Freiheit beschnitten werden sollen, interessiert dabei kaum jemanden. Kunst hat eben für alle da zu sein – umsonst versteht sich. Gesetzt den Fall, es wäre möglich, sich von digitalem Brot zu ernähren, würde für Backwerk sicher dasselbe gelten, weshalb es sich bei dieser Idee zumindest auf den ersten Blick um eine charmante antikapitalistische Vision mit Weltrettungscharakter handelt.

Dumm nur, dass die Waren von Bäckern, Metzgern oder Bierbrauern nicht digital zu kopieren sind. Deshalb wird denen, auch von der Piratenpartei, weiterhin ein Geldwert zuerkannt. Die ominöse Netzgemeinde, zu deren Vertreter sich diese Partei aufschwingt, will also nur den Warenwert der Kunst abschaffen, dabei aber gar nicht – wie im Shitstorm, der auf Regener niederging, immer wieder zu lesen war – in erster Linie dem Künstler schaden, sondern der teuflischen „Kulturindustrie“, vertreten durch die großen Film- und Musikimperien und ihre miesen Darth Vaders, wie etwa die GEMA.

Was in diesem Zusammenhang gern übersehen wird: Universal, Sony, Warner Bros. & Co. schreien zwar am lautesten, weil sie die lauteste Stimme haben, sind aber gleichzeitig diejenigen, die längst Wege gefunden haben auch in einem offenen Netz weiter zu verdienen. Wem es wirklich an den Kragen geht, das sind – dieser Teil von Regeners Rede wird oft überhört – die kleinen Independent-Label oder -Verlage, die eben nicht über den nötigen Marketing-Apparat und Finanzrahmen verfügen, sich mittels Beteiligungen an Internet-Plattformen und großen Werbeverträge ihren Anteil vom Kuchen zu sichern.

Ebenso sieht es bei den Künstlern aus: Lady Gaga oder Justin Bieber müssen keine Angst haben, denn ihre „Kunst“ ist ohnehin nur Markendesign von Medienkonzernen, die tatsächlich kein Urheberrecht brauchen, um Gewinn zu realisieren. Wen es trifft, das ist sozusagen der künstlerische Mittelstand, zu dem man auch Regener zählen muss. Trotz all seiner Erfolge ist der Mann mit Sicherheit kein „reicher Sack“, wie er im Shitstorm zigfach tituliert wird, das wird man nämlich nicht so leicht, wenn man Kunst macht.

Auch das (noch) geltende Urheberrecht mit seinen Verwertungsgesellschaften à la GEMA, wie es nun von Regener verteidigt wird, ist im Kern eine Umverteilung von unten nach oben. Mit der Bekanntheit von Element of Crime kann man durchaus von der GEMA leben, um aber über die GEMA reich werden zu können, muss man schon Herbert Grönemeyer oder Xavier Naidoo sein. Nach unten tritt und spuckt dieser bizarr legitimierte Verein, speist das Gros seiner Mitglieder mit Brosamen ab, macht kleine Clubs kaputt und hat mit seinen überzogenen Gebühren manches ambitionierte Festival auf dem Gewissen. Abschaffen? Gerne. Ersatzlos? Nein.

Ein Fritz Effenberger schreibt unter dem Titel „Sven Regener, du erzählst Unsinn, und ich erklär dir warum“ in seinem Blog, er mache ja auch Musik, aber man müsse sein Geld im Internet eben anders verdienen, mit Werbung zum Beispiel. Alle seine journalistischen Texte seien frei verfügbar und er verdiene trotzdem super. Wundermaschine Internet: Gewusst wie, und schon läuft’s!

Leider klingt das alles nur noch halb so gut, wenn man ihn googelt, den Herrn Effenberger. Mit Werbung verdient er beim Bloggen schon mal genau so wenig wie ich, es gibt nämlich keine auf seinem Blog. Kollege von Regener ist er auch nicht, hat nur mal als junger Mann bei einer relativ unbekannten Band gespielt und greift heute manchmal hobbymäßig zur Gitarre. Sein Geld verdient er u.a. als Entwickler von Games und Gadgets (Copyright!) und als Schreiberling für Online-Magazine, auf deren Plattformen für Microsoft, Apple & Co. geworben wird. Und genau um die geht es in diesen Magazinen auch. Hier zeigt sich das Internet einmal mehr als selbstreferentielle Blase, die sich zwar anscheinend wunderbar aus sich selbst heraus finanziert, dabei aber auf all jene scheißt, die sich nicht hauptberuflich auf seine Strukturen einlassen wollen. Um hier zu verdienen, muss man es so machen wie Effenberger: Aufhören, Künstler zu sein. „Mach das doch auch bitte“, fordert er Regener tatsächlich auf.

Überträgt man die Idee, dass nicht mehr der Konsument den Produzenten bezahlt, auf die eingangs erwähnten Bäcker, wird das Problem deutlicher: Der Bäcker würde dann seine Brötchen umsonst abgeben und das mit Werbung auf den Tüten finanzieren. Weil aber nur der Bäcker richtig gute Werbekunden kriegt, der enorm viel Brötchen unters Volk bringt, bleiben bald nur noch ein oder zwei riesige Backkonzerne, die möglichst billig etwas herstellen, was vage wie ein Brötchen aussieht und vielleicht ein paar Idioten, denen unbezahltes Brötchenbacken Spaß macht. Wie es dazu kommen konnte, dass auch sich „links“ gerierende Zeitgenossen Konzernwerbung plötzlich so unkritisch sehen, ist auch so eine Frage, die man sicher mal extra erörtern müsste …

Aber zurück zur Kunst: Natürlich gibt es inzwischen auch viele Ideen, wie man Künstler anders als auf dem üblichen Weg über Verwertungsgesellschaften entlohnen könnte. Da gibt es zum Beispiel das freiwillige Bezahlsystem Flattr, dessen Pferdefuß (neben der Finanzierung eines Konzerns namens „Flattr“ mit 10 Prozent auf jede Spende) – hehres Menschenbild hin oder her – die Freiwilligkeit ist. Der Chaos Computer Club (CCC) sieht diesen Pferdefuß auch und hat deshalb die Idee einer verbindlichen „Kulturwertmark“ in die Welt gesetzt. Hierbei handelt es sich im Prinzip um eine neue Steuer, die monatlich für jeden Internetanschluss erhoben werden soll. Anschließend entscheidet der Konsument selber, welchem Künstler seine Kulturertmärker zugute kommt. Damit nun der Konsument nicht alles Geld an Florian Silbereisen oder Böhse Onkelz abgibt, soll es eine Obergrenze geben. Wer die festlegen soll, weiß der CCC noch nicht. Vermutlich die „Stiftung“ die dann an die Stelle der GEMA treten soll (und die sicher deren Mitarbeiter – des KnowHows wegen – übernähme).

Auch schwant dem CCC, dass es Kunstarten und -richtungen gibt, die bei einer Konsumentenbewertung vollkommen durchs Raster fallen würden, was das kulturelle Spektrum schwer beschädigen würde. Also möchte man die Vergabe der Kulturwertmark beispielsweise für Popmusik prozentual begrenzen. Ob dadurch allerdings die Komponisten sogenannter „Ernster Musik“ eine faire Chance bekämen, scheint mir überaus fraglich. Wahrscheinlich müsste man hierfür noch eine finanzielle Höherbewertung der tatsächlich vergebenen Kulturwertmärker einrichten, also ziemlich genau das tun, was derzeit die GEMA tut.

Aber so sehr sich die neu zu schaffende „Stiftung“ und die GEMA an diesem Punkt auch schon wieder gleichen, einen Machtfaktor müsste man der „Stiftung“ sogar noch zusätzlich einräumen, von dem auch in der GEMA sicher mancher feuchte Träume träumt: Nämlich, die Entscheidung zu treffen, was Kunst ist und was nicht. Warum? Weil jeder halbwegs findige User ansonsten irgendein Textchen, eine Dreitonfolge mit Gebrüll drüber und ein grün eingefärbtes Urlaubsbild ins Netz stellt und sich seine Kulturmärker einfach selber gibt, bzw. das als Austauschgeschäft mit einem Kumpel organisiert. Jede Steuer schafft schnell ihre Schlupflöcher und deshalb auch einen monströsen Machtapparat, der dem der GEMA mit Sicherheit in nichts nachstünde, sie vielleicht sogar noch übertreffen würde.

Was das Verstörendste an der ganzen Debatte ist: Warum will man eigentlich unbedingt die Schutzfristen im Urheberrecht verändern bzw. abschaffen? 51 Tatort-Autoren haben gerade in einem offenen Brief zurecht darauf hingewiesen, dass es den Usern doch in der Regel nicht um freien Zugang zu den Werken bereits verstorbener Autoren geht, sondern um den freien Zugang zu aktuellen Songs und Filmen. Die Tatort-Autoren konstatieren Symbolpolitik („Schaut her, wir kommen euch ein bisschen entgegen!“) und haben sicher recht damit.

Aber, was auch immer sich der CCC oder andere einfallen lassen, schaut man sich den Anti-Regener-Shitstorm an, geht das alles an den meisten Usern vorbei. Die wollen keine neue Steuer oder ähnliches, sondern die totale Abschaffung des Copyrights. Und mit dieser Ansicht sind sie auch in der Piratenpartei vertreten, wie kürzlich ein Musikerkollege von mir, auf seine schriftliche Nachfrage hin, noch mal vom Berliner Landesvorsitzenden Hartmut „Hase“ Semken bestätigt bekam. Dies aber kann gar nichts anderes zu Folge haben, als die Abschaffung von Kunst als Beruf.

Nun gibt es User, die sagen: „Aber es geht uns doch nur ums Internet! Und viele Leute bezahlen ja sogar für das, was sie runterladen. Ist das wirklich ein so großer Verlust?“ Ja, ist es. Coole junge Leute, die sich für Abseitiges interessieren, zahlen nämlich in der Regel nicht. Zahlen tun bislang nur die Doofies – für Depeche Mode oder Madonna und ein paar Moralisten mittels Flattr. Die kleinen Labels und Verlage draußen in der wirklichen Welt gehen tatsächlich pleite und mit ihnen ihre Künstler. Allerdings liegt das nicht ausschließlich am Schwarzkopieren. Es liegt daran, dass das Internet beim Kunst-Konsumenten schon seit zehn Jahren den Anspruch nährt, den Sektor Kunst für umsonst zu bekommen, auch außerhalb des Netzes.

Die Bereitschaft, beispielsweise für Konzerte weniger bekannter Bands (oder gar für Lesungen) zu bezahlen wird seit Jahren immer geringer, also auch die Eintrittsgelder und die Gagen, jedenfalls dort, wo kein staatliches Förder- oder Subventionssystem wirkt. Da wird am Einlass inzwischen schon über 5 Euro diskutiert, obwohl man am selben Abend ohne mit der Wimper zu zucken 30 Euro versäuft, womit dann auch klar wird, dass das Problem hier nicht in erster Linie Armut heißt.

Der CD-Verkauf, der noch eine Zeitlang die niedriger werdenden Gagen abfederte, findet bei einem Publikum, das mehrheitlich unter dreißig ist, nahezu nicht mehr statt. Der Künstler wird am CD-Stand sogar noch gefragt, wo es die CD zum kostenlosen Download gibt. Und was tut er, der Künstler? Lacht. Weil er ja nicht „uncool“ sein darf – auch das ein Begriff aus Regeners Rede. Uncool wird man schnell, zum Beispiel wenn man die Anfrage eines coolen Clubs, dort umsonst zu spielen, ablehnt. Sogar als Kapitalist gilt man dann, obwohl jeder in diesem Club, vom Barmann bis zum Türsteher, Geld verdient, ohne dafür Kapitalist genannt zu werden. Und das – auch wenn die eigene Beobachtung gemeinhin als ungenaueste der empirischen Methoden gilt – ist längst Künstleralltag. Wer sich dagegen auflehnt, ist „uncool“ bzw. konservativ. Wobei niemandem aufzufallen scheint, dass es gerade den Independent- und Alternative-Sektor zuerst trifft und, dass die Coolen und Fortschrittlichen somit plötzlich Bejoncé oder Shakira heißen. Die haben solche Probleme nämlich nicht.

Sascha Lobo, einer der ideologischen Papaschlümpfe der Netzgemeinde, wird in seiner regelmäßigen Kolumne auf SpiegelOnline nicht müde, jede Erregung in Internet-Fragen als konservative Fortschrittsangst zu entlarven. Stets nach demselben Muster verfahrend, zitiert er irgendwelche Ängste, die Menschen etwa bei der Einführung von Kraftfahrzeugen oder Fernsehen geäußert haben, um dann altklug festzustellen, dass wir heute alle Autos nutzen und fernsehen und uns die damaligen Ängste nun lächerlich vorkommen. Faktisch hat aber noch fast jede Erfindung die Welt nicht nur zum Positiven verändert. Häufig hinterließ man der Nachwelt sogar gigantische Hypotheken, so heiß war man darauf, das neue Spielzeug in Aktion zu sehen.

Es ist mitnichten konservativ, über mögliche Folgen nachzudenken, bevor sie eingetreten sind, und schon gar nicht ist es konservativ vor Folgen zu warnen, die bereits offensichtlich sind. Um beispielsweise als Musiker im Internet über Klicks bei YouTube Geld zu verdienen (wie es Fritz Effenberger propagiert), hat es keinen Sinn mehr, jährlich zwanzig Songs zu schreiben und achtzig Konzerte zu geben. Man muss einen einzigen Song schreiben und den Rest der Zeit damit verbringen, diesen überall einzustellen und mit einem lustigen (lustig ist immer toll!) Video sowie allerlei Marketing-Rödelei im Web 2.0, 3.0 oder 5.0 zu promoten. Und hat man irgendwann 12 Millionen Klicks, ergibt auch das Touren wieder Sinn. Verabschieden wir uns also von künstlerischen Ideen, die etwas abseitiger sind und Zeit brauchen.

Kurz ist die Aufmerksamkeitsspanne im Internet, kurz und auffällig muss daher das Werk sein, will man damit verdienen. Dieser Artikel hier ist schon vor zwei Seiten zu lang gewesen, um von Leuten im Netz aufmerksam bis zum Ende gelesen zu werden. Einstellen werde ich ihn trotzdem. Bin ja (noch) nicht darauf angewiesen, mein Geld mit Klicks zu verdienen. Noch kriege ich Tantiemen für meine Bühnenstücke und bin prozentual an Buch- und CD-Verkauf beteiligt. Denn noch gibt es das Urheberrecht. Auch muss ich nicht hinnehmen, das jemand kommt und diesen meinen Text einfach auf eine Seite kopiert, die mir vielleicht nicht gefällt, deren politische Ansichten ich vielleicht nicht teile. Denn der Text gehört mir, auch dann, wenn ich beschließe ihn auf eine von mir ausgesuchte Internet-Seite zu stellen. Man darf ihn verlinken, man darf ihn zitieren. Will man ihn aber kopieren und zu eigenen Zwecken verwenden, muss man mich dafür bezahlen oder zumindest fragen. Das nennt sich Urheberrecht.

Fazit: Die „Digitale Revolution“ ist an einem Punkt angelangt, an dem es sie zur Enteignung treibt, dummerweise nicht zur Enteignung von Konzernen oder Banken, sondern zur Enteignung der Künstler. Die „Schwarmintelligenz“ belegt damit einmal mehr, dass es auch „Schwarmblödheit“ gibt (siehe auch: Pogrome, Hooligans und Leute die sich per Facebook verabreden, um einen Unschuldigen zu lynchen). Der Inbegriff dieser Schwarmblödheit, die Piratenpartei, ist in ihrer Gemengelage aus beeindruckender politischer Unkenntnis zu fast allen Themen und neoliberaler Ideologie nichts als ein FDP-Sample mit PISA-Rap zu zeitgemäßem Beat. Und die „Freiheit im Netz“, für die da gestritten wird, erweist sich als eine weitere kapitalistische Deformierung des ehemals linken Freiheitsbegriffs.

Solange es in dieser Debatte aber „nur“ gegen die Künstler geht (nicht gegen Bäcker oder Bierbrauer), hat der Schwarm in einem recht: Der Drang zum Kunstmachen ist eine Bewusstseinsstörung, die man nicht bezahlen muss. Denn der Künstler wird auch dann nicht aufhören zu produzieren, wenn man ihn in die Fänge der bald schon einzigen nennenswerten Künstlerförderung treibt. Sie heißt Hartz IV.

Markus Liske

 

 

Bookmark and Share

Liskes Kolumne

Letzte Worte

Die „letzten Worte“ sind ein nicht zu unterschätzendes Medium zur finalen Abrundung des eigenen Seins und deshalb bei Schriftstellern, Philosophen und Politikern sehr beliebt. Wichtig ist dabei vor allem die Kürze, die letzten Worte sind so was wie die Twitter-Fassung eines Testaments. William Shakespeare hat es vorgemacht, als er Cäsars „Tu quoque, Brute, fili mi?“ für die Bühne völlig zu recht auf das eingängigere „Et tu Brute?“ verkürzte.

Mit Kürze allein ist aber noch nichts gewonnen, auch die Botschaft ist wichtig. „Ich bin Heinrich Himmler“, lauteten die letzten Worte desselbigen, womit zwar der bedauerliche Fakt seiner Existenz auf den Punkt gebracht wäre, literarisch jedoch kein Blumentopf zu gewinnen ist. Brillant dagegen Goethe: „Mehr Licht!“ Das hätte er wahrlich brauchen können, als er mit seiner Farbenlehre in die Irre ging. Und selbst wenn der alte Hessen-Spott zuträfe, dass er eigentlich habe sagen wollen „Mer liescht … hier net rischtisch!“, wäre das immer noch ziemlich gut.

Auch FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann schied mit erstaunlicher Größe, als er vorm finalen Fallschirmsprung erklärte: „Ich spring heute einen Einzelstern.“ Uwe Barschel dagegen verpasste den richtigen Moment. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“ wäre grandios gewesen, hätte er gleich darauf sein Bad genommen, statt noch drei Wochen herumzugeistern. Andererseits waren das immerhin die letzten Worte vor dem „politischen Tod“, und auch die sind wichtig.

Heutzutage werden diese gern vermieden, wohl deswegen, weil der politische Tod eine so unberechenbare Größe geworden ist. Man will sich mit letzten Worten ja keinen möglichen Neuanfang verbauen. Diese Form politischer Wiedergeburt steht inzwischen nahezu jedem offen, ob da mal Franz-Josef Jung hessisches Schwarzgeld ausgerechnet als „jüdische Vermächtnisse“ deklariert oder Wolfgang Schäuble 100.000 nicht verbuchte Euro eines Waffenhändlers im Briefumschlag herumschleppt. Der eine kehrte als Verteidigungsminister, der andere gar als Finanzminister zurück. Da wundert es wenig, dass ein Theo Guttenberg einfach nicht aufhört zu plappern, gern auch in Buchform. Hauptsache, es bleibt nichts hängen, was man als letzte Worte missverstehen könnte. Der Mann will schließlich auch ohne erschlichenen Doktortitel noch hoch hinaus. Und als nominell christlicher Politiker hält er – genau wie Schäuble und Jung – ohnehin wenig von irdischen Urteilen. Um es mit den letzten Worten Heinrich Heines zu sagen: „Gott wird mir vergeben, das ist sein Beruf.“

Dies waren wohl auch Christian Wulffs Gedanken, als er ein ums andere Mal nicht nur seine letzten Worte verweigerte (obgleich „Transparenz, die neue Maßstäbe setzt“ durchaus amüsant gewesen wäre), sondern auch den überfälligen Rücktritt. Ihm wird klar gewesen sein, dass man als Ex-Bundespräsident im Lande nichts mehr werden kann und eine Wiedergeburt als EU-Kommissar o.ä. am eigenen Format scheitern müsste. So vegetierte er lieber quälende Monate lang an der lebenserhaltenden Politapparatur von Frau Dr. Merkel dahin, während das halbe Land fieberhaft nach der Patientenverfügung suchte. Wenn er die Zeit wenigstens genutzt hätte, sich ein schönes Schlusswort auszudenken, statt noch über die Verletzungen zu jammern, die seine Frau und er erlitten hätten … Hier drängen sich die letzten Worte des großen Karl Kraus auf: „Pfui Teufel!“

Aber zurück zum richtigen Sterben. Hierbei gilt es einen weiteren wichtigen Punkt zu bedenken: Auch die schönsten letzten Worte sind sinnlos, wenn es keine willigen Zeugen für sie gibt. Da mag Jörg Haider mit einem koksfrohen „Krasse Kurve!“ auf den Lippen verschieden sein, oder Kim Jong Il mit: „Mehr Demokratie wagen!“ – was bringt’s, wenn niemand dabei ist, der das überliefern kann oder will. Es empfiehlt sich also, nicht allein zu sterben und sich der Folgschaft seiner Zeugen beizeiten zu versichern.

Ob man dagegen als Ungläubiger oder Glaubender stirbt, bzw. welcher Religion man anhängt, mag für die Zeit nach dem Tod von Bedeutung sein, für die letzten Worte ist es egal, denn die sind dem Leben verhaftet. So gelten für alle, denen kein eigenes Fazit einfällt, die Worte des römischen Kaisers Augustus: „Habe ich meine Rolle gut gespielt? Nun, so klatscht Beifall, die Komödie ist zu Ende!“ Und den Wiedergängern in der Politik sei mit Stephan Remmler zugerufen: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“

PS   Man darf schon jetzt gespannt sein, auf die letzten Worte des islamophoben Kulturkriegers und pathologischen Kommunistenfressers Joachim Gauck, der nun doch noch ins Bellevue einziehen darf. In Anbetracht seines hohen Alters, werden wir (hoffentlich) nicht allzu lange darauf warten müssen …

Bookmark and Share

Liskes Kolumne

Winterphilosophie

Ich liebe den Winter. Nicht ganz so sehr vielleicht wie Frühling, Sommer oder Herbst, aber irgendwie doch. Der Winter kann schließlich nichts dafür, dass wir alle menschheitsgeschichtlich gesehen afrikanische Migranten sind und in den letzten 60.000 Jahren keine Zeit fanden, uns mit Pelz und Winterschlaf in unseren neuen Lebensraum zu integrieren.

Auch für die gigantischen Eisschwellen vor parkenden Autos, platzende Mülleimer und ausgefallene S-Bahnen der letzten Jahre ist nicht der Winter verantwortlich, sondern die Privatisierung. Und man kann ihm schwer vorwerfen, dass ihn alberne Zeitgeistabsurditäten dieser Art kalt lassen. Im Winter geht es um die großen Fragen. Er ist für mich die philosophischste aller Jahreszeiten. Und das liegt nicht ursächlich daran, dass ich im Dezember Geburtstag habe und allen Geburtstagen jenseits des 40. ein gewisses Sinnkrisenpotential innewohnt, sofern man weiterhin weder einen Bestseller noch ein Häuschen in Ligurien vorzuweisen hat.

Nein, der Winter an sich ist ziemlich philosophisch. Er ist der Zwölf-Uhr-Schlag der Turmuhr des Lebens, der uns zuverlässig daran gemahnt, dass wir unsere Zeit so sinnvoll nutzen können wie wir wollen – vergehen tut sie doch. Wohingegen beispielsweise der Sommer mit einigem Recht als die philosophiefernste Jahreszeit betrachtet werden kann.

Im Sommer ist es heiß und ich schwitze. Ich gehe vor die Tür und stelle fest: Die Sonne brennt, das macht es heiß. Der Körper kühlt sich mittels Schweißfluss. Ich helfe ihm dabei, indem ich regelmäßig Weißweinschorle nachkippe. Nach den ersten 8 Schorlen stellt sich das Gefühl ein, dass alles auf der Welt zum Besten bestellt ist. Ende der Philosophiestunde.

Ganz anders der Winter – er wartet schon im Alltag mit allerlei komplexen philosophischen Fragestellungen auf: Wozu aufstehen? Ich brauche Kohlen. Wozu rausgehen? Der Kohlenanzünder ist auch alle. Wieso wird rund um den Kaisers nie Schnee geschippt? Knochenbrüche sind günstiger als Räumdienst. Warum schmerzt mein Steiß so höllisch? Scheiß Philosophie, hätte besser auf meine Füße geachtet. Was tun? Aufstehen. Undsoweiter.

Doch mein Winter ist keinesfalls monolithisch in seiner philosophischen Struktur, er ist vielmehr dialektisch aufgebaut, kommt also in drei Arbeitsschritten daher. Die erste Phase beginnt Mitte November. Plötzlich verspüre ich den Drang, mal wieder Sartres „Das Sein und das Nichts“ zu lesen und von Weißwein (dessen Wasserbeigabe ich schon im September zurückgelassen habe) auf Rotwein umzustellen.

Meist wehre ich mich noch ein paar Tage, aber dann ist es soweit. Aus Flasche1 gluckst die Frage „Wer bin ich?“. Ein paar Tage später aus Flasche 5 die zu erwartende Antwort: „Ein Niemand.“ Flasche 6 fragt: „Was habe ich erreicht?“ Flasche 9 antwortet: „Nichts.“ Da kommt es auch schon aus Flasche 10 (meist die Geburtstagsflasche): „Was muss ich ändern?“ Prompt Flasche 11 (gegen Mitternacht): „Alles!“

Damit ist die These formuliert und die Flaschen 12 und 13 entwerfen einen Schlachtplan für all die nun anstehenden Veränderungen (Romanbestseller fertig schreiben, damit reich werden, Haus in Ligurien kaufen), bevor Flasche 14, mit Verweis auf den furchtbaren morgigen Kater und die Unausweichlichkeiten der Weihnachts- und Silvesterzeit, den Veränderungsbeginn auf den 3. Januar terminiert. Sehr gut.

Ich betrachte also die existentialistischen Fragestellungen als abgeschlossen, höre auf mich zu rasieren und beginne bei ein paar weiteren Flaschen Rotwein den „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen. Bin schon fast auf Seite 1000, als es Weihnachten wird. Hebe meine letzten 500 Euro ab und beginne damit kreuz und quer durch die Republik zu reisen, um bei allen Teilen der Familie meine Erbschaftsansprüche zu wahren – nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Roman doch kein Bestseller wird.

Nach sechs Tagen zwischen schwerem Essen, familiären Zerwürfnissen, Sekt, Cognac, Grappa und abermals Rotwein, wird mir klar, dass ich den 18. Winter in Folge am „Mann ohne Eigenschaften“ gescheitert bin. Aber da kommt ja auch schon Silvester. Habe keine Lust jemanden zu sehen, lade aber trotzdem zweidrei Leute ein, um mich nicht allein betrinken zu müssen, denn das soll ja ungesund sein.

Als am zweiten Januar der Kater langsam nachlässt, rasiere ich meinen inzwischen recht stattlichen Vollbart ab und entstaube meinen Computer, um nachzusehen, wie weit der Romanbestseller ist. Dummerweise hat sich da nichts getan, seit ich das Ding Mitte November zuklappte. Bin erschüttert und habe plötzlich keine Lust mehr auf Rotwein. Also Whisky. Sie haben ja alle unter Whiskyeinfluss geschrieben: Oskar Wilde, Hemingway, Bukowski. Ich laufe zum Kaisers, kaufe mir eine Flasche, stürze auf dem Rückweg mal wieder auf meinen Steiß, die Flasche ist kaputt. Die Briefträgerin hilft mir auf und überreicht mir meine Jahresabrechnungen von GASAG und Vattenfall. Ich weiß sofort, dass ich mir keine neue Flasche werde kaufen können. Zum Glück hat die Stammkneipe schon offen. Hier kann ich zwar nicht schreiben, aber anschreiben. Damit beginnt Phase 2 meines Winters. Antithese: Ist doch eh alles egal.

Wie einst Diogenes in seinem Fass, sitze ich nun mehrere Wochen bei Bier und Whisky in der Stammkneipe und erfreue mich daran, andere Gäste an meiner Erkenntnis der Sinnlosigkeit all unseres Tuns teilhaben zu lassen. Da ich das in jedem Januar praktiziere, habe ich mir eine gewisse mephistophelische Eloquenz in dieser Frage angeeignet und kann beim einen oder anderen hübsche Erfolge erzielen, ohne deshalb gleich verprügelt zu werden. Nur die Barkeeperin mosert manchmal über eine gedrückte Stimmung in meinem Umfeld, ist aber Geschäftsfrau genug, sich mit dem steigenden Sprirituosen-Umsatz zu trösten.

Leider kriege ich weder von ihr noch von den Therapeuten im Kiez Prozente für meine Mühen. Statt dessen wird mein Zettel länger und länger. Ich lass mir eine Zwischensumme machen und erkenne sofort, dass ich hart werde arbeiten müssen, um diesen Zettel bezahlt zu kriegen und trotzdem am Jahresende noch 500 Euro für den Besuch aller potentiellen Erblasser zu haben. Schweren Herzens beende ich meine aufklärerische Tresen-Tätigkeit und ziehe zurück in meine Wohnung, um den Januar bei Wilthener Goldkrone und täglichem Dschungelcamp ausklingen zu lassen. Dabei wird mir wieder klar, dass man mit hemmungslosem Zynismus und der Bereitschaft zum allabendlichen Alkoholmissbrauch ebenso gut reich werden könnte. Unterdrücke den drohenden Rückfall in die Depression, indem ich mir mich im rosa Tropenanzug vorstelle, beginne daraufhin Peter Weiß’ „Ästhetik des Widerstands“ zu lesen und stelle von Goldkrone auf Tee um. Nun bin ich bereit für Phase 3 des Winters.

Irgendwann Ende Februar wird es einen sonnigen Tag geben. Ich werde warm eingemümmelt zwischen manisch herumtelefonierenden Kommunikationsdesignern, sexy Eventmanagerinnen und Zwillingskinderwagen mit Allradantrieb vor dem postfaschistischen Bio-Café in meiner Straße sitzen, ein bisschen in Blochs „Prinzip Hoffnung“ herumblättern und irgendwann den Beschluss fassen, dass es sich dabei letztlich um eine taugliche Synthese für diesen Winters handelt.

Dann werde ich meinen gelungenen Alkoholentzug mit dem ersten Weißwein des Jahres begießen und mich frohgemut auf den Weg in die Frühjahrsdepression begeben. Man muss sich ja Ziele setzen.

 

Bookmark and Share

Liskes Kolumne

BILD dir deine Partei!

Die BILD-Zeitung liebt nicht nur die Nation, nackte Mädels und starke Männer, nein, sie tut auch alles, um uns den einen starken Mann herbeizuschreiben, der die Nation früher oder später wieder zu alter Pracht und Größe führen soll. Momentan favorisiert sie für diesen Job einen fränkischen Adeligen namens Guttenberg, der unlängst seinen allzu durchsichtig erschlichenen Doktortitel zurückgeben musste und darüber nicht nur sein Ministeramt sondern auch seine Reputation verlor – sollte man meinen. Weit gefehlt.

Kaum ist sein Interview-Buch „Vorerst gescheitert“ auf dem Markt, ein wirres Sammelsurium aus Rechtfertigungen, Entschuldigungen und entgrenzter Eitelkeit, jubelt BILD bereits: „15 Prozent würden neue Guttenberg-Partei wählen!“ Was an dieser Schlagzeile bemerkenswert ist: Der Mann hat bislang bestenfalls (und sicher nur aus taktischen Gründen) damit kokettiert eine neue Partei gründen zu wollen. Aber die BILD-Zeitung sehnt eine solche Partei so sehr herbei, dass sie sogar bereit ist Guttenbergs zaghaftes Rütteln am Existenzrecht Israels (mithin dem vielleicht einzigen Axel Springer-Grundwert) zu überhören und treibt dem Herrn Baron deshalb schon mal 9,5 Millionen (15 Prozent) der Wähler zu. Es ist dies bereits ihr zweiter Versuch des „party-building“ in jüngster Zeit, und ich kann mich noch sehr gut an den ersten erinnern …

November 2010. S1 Richtung Wannsee. Ein Typ liest BILD. Schlagzeile: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Darunter: BILD-Girl Jessica aus Bautzen mit gepiercten Nippeln, die natürlich „starke Männer“ mag. Gegenüber liest eine Omi ebenfalls BILD, einen Sadomaso-Bericht, über Jessicas Schwester (?) die in Ketten an einem Stahlkreuz hängt. Neben der Omi hockt ihre ca. fünfjährige Enkelin und fragt: „Werde ich auch mal so schön wie die Frau in der Zeitung?“ Da sie beide sehen kann, ist unklar, ob sie das BILD-Girl oder die Sklavin meint. „Wenn du immer schön artig bist“, antwortet Omi. „Und komm ich dann auch in die Zeitung?“ „Wenn du dich anstrengst.“ Kein erfundener Dialog, ebenso wenig erfunden, wie mein spontaner Gedanke, ob am Islamismus wirklich alles schlecht … Scheiß Gedanke. Will man nicht denken. Aber man darf es. Sogar sagen und schreiben darf man es. Umso verstörender diese Schlagzeile: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Ein Satz den man sonst immer dann hört, wenn sich deutsche Männer in deutschen Kneipen über Außenpolitik verbreiten. Denn, da der durchschnittliche deutsche Kneipengänger weder weiß wo Somalia liegt, noch wie die Hauptstadt von Mali heißt, oder wer in Myanmar regiert, meint „Außenpolitik“ in der Regel: Israel. Da ist hierzulande jeder Spezialist. Und dass die Israelis mit den Arabs dasselbe machen, wie „wir damals mit denen“ ist tief verwurzeltes Volkswissen, weshalb man das „ja wohl noch sagen darf!“

So erstaunt es wenig, dass diese BILD-Schlagzeile vor knapp einem Jahr innerhalb weniger Tage 18 Millionen Unterstützer für eine mögliche neue Rechtspartei von Thilo Sarrazin sammeln konnte, der nun wirklich nie geäußert hatte, eine solche Partei gründen zu wollen. An der BILD-Schlagzeile konnte das aber nichts ändern: „18 Millionen für Sarrazin-Partei!“ Endlich. In Sachen „schicke, neue Rechtspartei“ stinkt Deutschland ja bislang ganz schön ab. Holland hat seinen coolen Wilders, Österreich hatte seinen sexy Haider, und nur wir müssen uns weiter mit den bösen Onkels von der NPD begnügen. Time for Change – danke BILD! Aber was wollen diese mutmaßlichen 18 Millionen?

Bei Stichproben (in der Kneipe gegenüber) mit der Tatsache konfrontiert, dass Sarrazins Zahlen und Statistiken weitgehend schlichtweg falsch sind, antworteten meine Probanten: „Ist trotzdem gut, dass es mal einer sagt, und irgendwie hat er ja auch recht.“ Man mag nun die statistische Relevanz meiner kleinen Umfrage bezweifeln, aber mit „irgendwie“, „trotzdem“ und „das wird man ja wohl noch …“ ist das ideologische Gerüst der neuen Nationalisten trefflich skizziert. Es geht eben nicht um Statistiken, sondern um völkische Befindlichkeiten, wie damals, als man bei Roland Koch noch „irgendwie“ gegen Ausländer unterschreiben konnte. Insofern ist es auch egal, dass ein gesichtsgelähmter Professor im viagragestützten Omnipotenzrausch nicht wirklich als Führer einer coolen neuen Rechtspartei taugt. Hauptsache „irgendwie“ sagt mal einer, „was man ja wohl noch …“

Bei der gerade stattgefundenen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus traten deshalb gleich mehrere rechtspopulistische Parteien an, die sich aus den Thesen von SPD-Mitglied Sarrazin eigene Parteiprogramme gebastelt hatten, neben Pro Deutschland vor allem Die Freiheit. Beide eint die Vorstellung, dass Deutschland kein Einwanderungsland sein darf und ihre Liebe zum Grundgesetz (das sie augenscheinlich nie gelesen haben) sowie zur „abendländischen Kultur“, die es vor fiesen Minaretten zu schützen gilt. Was sie unterscheidet, ist in erster Linie die Haltung zu Israel und den USA. Die Freiheit findet Israel, das man wohl als Schutzwall gegen fiese Minarette missversteht, ziemlich gut und liebt das „Land der Freiheit“, USA, dem man freundlich nachsieht, dass es ein Einwanderungsland ist und kein Problem mit dem Bau von Minaretten hat. Pro Deutschland findet zwar Bollwerke gegen den Islamismus grundsätzlich auch toll, will aber den Juden deswegen noch lange keinen Staat gönnen und liebt an den USA vor allem die Tea Party-Bewegung, der man wiederum ihre pro-israelische Haltung freundlich nachsieht. In Sachen ideologischer Verwirrung sind sich beide Parteien also wieder ziemlich ähnlich.

Und noch etwas eint sie glücklicherweise, die Tatsache nämlich, dass hier wie dort kein neuer rechter Popstar in Sicht ist. Zu deutlich ist in den Gesichtern von René Stadtkewitz (Die Freiheit) und Manfred Rouhs (Pro Deutschland) zu lesen, dass schon in der Schulzeit niemand mit ihnen spielen wollte. So kam es, dass von allen Minaretthasser-Parteien in der Hauptstadt am Ende doch wieder der miese alte Killersaurier NPD am besten abschnitt. Vielleicht auch deshalb, weil die neuen Rechtspopulisten offiziell eben „nur“ Moslems hassen, ihr Wählerpotential aber auch: Schwule, Schwarze, Israel, die USA und die gesamte antiarische jüdisch-muslimische Weltnegerverschwörung (o.s.ä.).

Doch irgendwann wird sich da schon eine Symbiose finden und sicher auch eine BILD-taugliche rechte Frontfigur für die veranschlagten 18 Millionen. Schaut man sich diesbezüglich beim vorhandenen politischen Personal um, landet man – wie jetzt BILD – zwangsläufig bei Guttenberg. Doch das ist wohl verfrüht. Zwar ist Guttenberg als Politiker und Mensch ähnlich seriös wie die zuvor genannten, hat aber mit nur 9,5 Millionen die Latte deutlich gerissen und zudem bislang noch gar nicht verlauten lassen, welche Teile der Bevölkerung er gerne kriminalisieren, ausgrenzen, abschieben oder vergasen möchte. Und dieses bisschen braune Substanz braucht man schon, wenn man hierzulande Volkes Stimme werden möchte, Eitelkeit allein wird nicht reichen. Immerhin: das Gesicht dafür hat er wohl. Jetzt noch von Pro Deutschland ein paar Inhalte abschreiben (das sollte er ja hinkriegen) und schon haben wir auch unseren ersehnten rechten Popstar.

Klar, am Anfang gibt’s deswegen auf dem internationalen Parkett vielleicht etwas Stunk, aber dann gewöhnen sich alle – wie seinerzeit bei Haider. Dessen Partei subventioniert in Kärnten inzwischen (tatsächlich!) den Preis von Trachtenjacken, um Anhänger und Gegner leichter unterscheiden zu können, was aber eigentlich Quatsch ist, reden hier doch, wie ich kürzlich bei einem Besuch feststellen durfte, selbst die Gegner zärtlich von „der Jörg“, der ja „irgendwie“ vor allem „einer von uns“ war. Genau wie hierzulande Thilo und Theo und Jessica aus Bautzen, glaubt man der BILD, denn die sind wir, und wir sind Papst – halleluja!

Noch aber muss nicht verzweifeln, wer sich in dieser nationalen Familienaufstellung nicht wiederfinden mag. Zumindest mit Thilo und Theo ist BILD „vorerst gescheitert“, und selbst in Kärnten gibt es bis heute eine letzte aufrechte Antifaschistin: Eine unscheinbare Straßenkurve kurz hinter Klagenfurt auf dem Weg zum Loiblpass. Hätten wir so eine auch bei uns und würden es dann noch schaffen, Thilo Sarrazin, Manfred Rouhs, René Stadtkewitz, Theo Guttenberg, BILD-Chef Diekmann, die armselige Jessica samt Sadomaso-Schwester und einen Haufen Koks ins selbe Auto zu kriegen, dann ginge das Stammtischgeschwätz jener 18 oder 9,5 oder wieviel Millionen auch immer zwar trotzdem weiter, aber ich müsste in Zukunft vielleicht keine hässlichen Sharia-Gedanken mehr haben. Und das … wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Bookmark and Share

Liskes Kolumne

Literatur und Markt

(Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2011, die ich schon fast wieder glücklich vergessen hatte, die mir aber wieder einfielen, als kürzlich ausgerechnet Feuilleton-Schoßhündchen Jana Hensel im Freitag zu rechten Terroristen leitartikeln durfte)

Man muss kein Kulturpessimist sein, um zu der Überzeugung zu kommen, dass der heutige Literaturmarkt mit seinen Gesetzmäßigkeiten für die Literatur ungefähr so nützlich ist, wie Schleppnetzfischerei für den Delphinbestand. Es genügt Marktpessimist zu sein. Und wenn man das – trotz dreimonatiger Dauerberieselung mit Vorabwerbung für das neue Buch von Charlotte Roche in allen Blättern und auf allen Kanälen – noch nicht sein sollte, dann empfiehlt sich ein Besuch bei der Frankfurter Buchmesse.

Hier wird man schnell feststellen, dass der Literaturmarkt inzwischen ganz prächtig ohne Literatur auskommt, ja, sogar weitgehend ohne Schriftsteller. Die letzten Vertreter dieses Berufes, die für den Literaturmarkt irgendeine Bedeutung haben, sind ein paar Krimi-, Fantasy- oder Kinderfantasy-Autoren. Ansonsten werden die marktrelevanten Bücher heutzutage von Fernsehdarstellern, Fernsehköchen, Politikern, Ex-Politikern, Wirtschaftsbossen, Fußballern und eben sexuell desperaten Ex-Fernsehmoderatorinnen geschrieben. Die literarische Kompetenztapete, die man trotzdem glaubt vorweisen zu müssen, lässt man sich von möglichst hübschen, jungen, ahnungslosen Absolventen des Leipziger Literaturinstituts anliefern.

Um also auf der Frankfurter Buchmesse überhaupt mit Literatur in Kontakt zu kommen, muss man die kleinen Stände der „unabhängigen Verlage“ besuchen, die natürlich in der Regel weder „unabhängig“ sind, noch sein wollen, denn – der Markt frisst seine Kinder – auch hier arbeiten ja Leute, die ihre Miete bezahlen müssen. Daher gilt auch für sie: Ein gutes Buch ist ein Buch, dass sich gut verkauft.

Nichtsdestotrotz gedeiht bei den „kleinen Verlagen“ (wie ich sie lieber nennen möchte) das zarte Pflänzchen Idealismus immer noch besser als bei den großen. Und weil man sich darauf viel einbildet, hat man sich vor zwei Jahren einen eigenen Literaturpreis geschenkt, den Hotlist-Preis, einen „ungewöhnlichen Preis für das ungewöhnlich Gute“.

Der dagegen geradezu ekelhaft „gewöhnliche“ Preis, der Deutsche Buchpreis nämlich, ist mit 25.000 Euro dotiert und wird alljährlich zur Messeeröffnung im Kaisersaal des Frankfurter Römer verliehen. Das „ungewöhnlich Gute“ ist zwar nur 5000 Euro wert, aber dafür wird dieser „ungewöhnliche Preis“ an einem wirklich ungewöhnlichen Ort verliehen: in der Frankfurter Traditionsdisco Sinkkasten, für die inzwischen ein Insolvenzverfahren läuft. Ob es nur an diesem Umstand liegt, oder ob noch eine Eventagentur im Vorfeld mitdilettieren durfte – es ist wirklich an alles gedacht worden:

  • Wartehallenatmosphäre.
  • Barpersonal das sich keine Mühe gibt, einem die Bierauswahl schön zu reden (Köpi und Beck’s, beides aus kleinen Flaschen).
  • Ein um zwei Stunden verzögerter Beginn, um die Spannung zu steigern.
  • Keine Sitzplätze, um die fußmüden Messegänger am Einschlafen zu hindern.
  • Brachial laute Disco-Mucke während der Wartezeit, damit kein Gespräch entsteht.
  • Dafür nur minimale Verstärkung während der Lesung, damit möglichst wenige Besucher hören können, wie lächerlich das alles ist.

Dass es lächerlich ist, dafür sorgen die beiden Moderatoren, die man sich zu diesem feierlichen Anlass eingeladen hat: Jakob Augstein, der gerade erst aus dem ambitionierten Wochenblatt Der Freitag eine Art Zeitgeist-Magazin für haltungslose Bachelor-Studenten geformt hat, und natürlich jene Autorin, die wie keine andere dafür bekannt ist, unabhängige Verlage und deren verarmte Kulturarbeiter zu fördern: Charlotte Roche.

Immer abwechselnd stellen sie in einer ebenso endlosen wie grausamen Dauerlesung sämtliche Bücher der Hotlist vor. Die Tatsache, dass keiner der beiden des Vorlesens mächtig oder wenigstens vorbereitet ist, ist dabei nur eines ihrer Folterwerkzeuge. Schlimmer sind ihre Dialoge zwischendrin, die in der literaturfernen Talkshow-Sphäre, der beide entstammen, vermutlich für lustig gehalten werden. Am schlimmsten aber geraten die frei dahergestammelten persönlichen Eindrücke zu den Büchern. Charlotte Roche über einen Bildband: „Äh … da sind nur ganz wenige Texte mal drin, so zwischendrin, und aber ganz viele Bilder, so Bilder von Häusern … äh, ohne Menschen auch fast … also mehr so die Häuser, die Gebäude … und ganz wenig Text ja auch, also ganz toll …“

Mit solchen Beiträgen schafft sie etwas zuvor Undenkbares: Jakob Augstein, der erst kürzlich unter seinem Kolumnentitel „Im Zweifel links“ den Papst und dessen katholische Kirche zur unverzichtbaren ethischen Instanz erklärte, wirkt plötzlich wie ein intellektuelles Schwergewicht. Glücklicherweise, wie gesagt, ist all das kaum zu verstehen, weshalb mich auch nichts daran hindert die meiste Zeit auf dem Raucherbalkon zu verbringen.

Hier gibt es ein eigenes Showprogramm, spontan inszeniert von einer Gruppe semiprominenter Fernsehdarsteller, die wohl die Fankurve von Charlotte Roche darstellen. Allerlei lustiges Zeug sehr rasch daherbrabbelnd, erinnern sie mich mit ihren tellergroßen Pupillen und dauergrinsenden Glückseligkeitsmienen an den amüsanteren Teil meiner persönlichen neunziger Jahre. Was mich dennoch frühzeitig fliehen lässt, findet nicht auf dem Balkon sondern im Saal statt, und es ist nicht hörbar, sondern sichtbar.

Es ist der aus den meisten Gesichtern der versammelten Autoren und Kleinverlags-Angestellten ablesbare Wunsch, ernstgenommen, ja angenommen zu werden von jener massenkulturellen Marktmaschinerie, mit der die Charlotte Roches produziert werden. Denn dieses Treffen sogenannter „unabhängiger Verlage“ ist mitnichten ein Gegenentwurf, sondern eher so was wie ein externer Jugendverband der großen Verlage zur für sie kostenfreien Talentförderung. Und weil das alle wissen, fühlt sich das Gros der Anwesenden tatsächlich aufgewertet von der quälenden Performance des Promi-Duos Augstein/Roche. Man dankt ihnen für den Zauber ihrer Anwesenheit, indem man über ihre schlechten Witze lacht und mithilft, die Illusion aufrecht zu erhalten, es ginge hier um etwas Bedeutsames.

Am Ende gewinnt dann natürlich nichts wirklich Abseitiges, Aufrührerisches oder zumindest dankenswert Idealistisches, wie etwa die Mühsam-Tagebücher im Verbrecherverlag, sondern ein Liebes- und Gesellschaftsroman, dessen Plot durchaus interessant klingt, der aber ebenso gut bei Rowohlt oder Ullstein hätte erscheinen können und dessen Autorin schon für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert war. Spätestens hiermit sollte am Ende noch dem letzten verirrten Idealisten klar geworden sein, dass diese Hotlist-Auszeichnung nur ein Trostpreis und die Bezeichnung „unabhängige Verlage“ nichts als ein alberner Euphemismus ist.

Ich dagegen kann auf diesen letzten Beweis glücklicherweise verzichten und sitze zu diesem Zeitpunkt schon bei einem guten Riesling in meiner Bleibe. Gemeinsam mit ein paar anderen Autoren „unabhängiger Verlage“ tue ich das, was man an einem Buchmesse-Abend tun sollte: Sich gepflegt betrinken und über Literatur reden.

PS Allen „Nichtkatholiken“ schrieb Augstein in der erwähnten Kolumne, sollten „der Zölibat und die kirchliche Benachteiligung der Frau egal sein“. So wie Nichtafghanen die Sharia und Nichtdelphinen die Schleppnetzfischerei, nehme ich an … puh.

 

 

 

Bookmark and Share

Liskes Kolumne

Mal was Privates:

Vom Buddha lernen, heißt siegen lernen!

„Nicht ausserhalb, nur in sich selbst soll man den Frieden suchen.“

Das soll der Buddha mal gesagt haben, behauptet jedenfalls der Buddhist der unter mir wohnt. Kann aber auch Stalin oder Eichmann gewesen sein. Ein treffender Satz jedenfalls für das Leben in unserem Hinterhaus, denn außerhalb gibt es schon lang keinen Frieden mehr …

„Atze, wo iss’n der Schraubenschlüssel hin!?“, schreit beispielsweise Robinson, einer der drei Schwarzarbeiter, die dem neuen Hausbesitzer gerade direkt gegenüber ein Penthouse aufs Vorderhaus bauen. Dann schreit Atze zurück: „Leck mich, du Arsch! Pass halt selber auf dein Zeug auf!“ Undsoweiter. Sechs Tage die Woche von morgens um sieben bis abends um sieben. Dazu brüllt ein mir unbekannter Radiosender die geilsten Hits der Achtziger in den Hinterhof: Geronimos Caddilac, Maria Magdalena oder Wild Boys.

Nach Feierabend oder wenn die Arbeiter mal Pause machen, schreien sich unsere Fickifickis an. Die Fickifickis sind mit dem neuen Hausbesitzer verwandt, genauer mit dessen südamerikanischer Gattin. Es gibt zehn oder zwölf von den Fickifickis und sie bewohnen inzwischen drei Einzimmerwohnungen in unserem Hinterhof. Die Fickifickis schreien sich am liebsten an, bevor sie lautstark ihrem Spitznamen gerecht werden. Oder sie schreien sich an, nachdem sie lautstark ihrem Spitznamen gerecht wurden. Einmal haben sie sich auch angeschrien, während sie gerade lautstark ihres Spitznamens gerecht wurden. Das gehört für sie einfach dazu.

Wenn es mal echten Streit gibt, was drei bis vier mal am Tag vorkommt, stehen die Fickificki-Männer schreiend im Hof und die Fickficki-Frauen hängen schreiend aus den Fenstern. Nachts gibt es Fickificki-Partys, immer abwechselnd in einer der drei Wohnungen. Dabei schreien sie sich bis morgens um vier zu stampfendem Latino-Pop an. Anschließend verteilen sie sich, um abermals ihrem Spitznamen gerecht zu werden, bevor morgens um sieben der Fahrstuhl am Baugerüst angeworfen wird und Atze schreit: „Wo habt ihr schon wieder den beschissenen Schlagbohrer hin?!“

hinterhof november 2011

Buddha never lived in hinterhöfen

Die Antwort ist diesmal kaum zu verstehen, denn Robinson schreit nur, wenn es unbedingt nötig ist. Zwar säuft er nicht weniger als Atze, während er auf dem Gerüst herumturnt, aber Atze ist der Vorarbeiter und Robinson ein eher autistischer älterer Herr mit Zottelbart, der am liebsten allein vor sich hinbastelt oder heimlich Freitags Arbeit ausbessert.

Freitag ist der dritte Bauarbeiter. Er trinkt kein Bier, was sicher besser ist, muss er doch stets die wirklich gefährlichen Arbeiten übernehmen. Mal sieht man ihn auf der Regenrinne balancieren, mal muss er Stahlträger annehmen, die ein schon lallender Atze grob angeleint zu ihm herab lässt. Freitag heißt so, weil man ihn herkunftsmäßig den Fickifickis zurechnen könnte und er stets die Nähe Robinsons sucht. Auch scheint er stumm zu sein, was ihn sympathisch macht.

Atze ist nicht stumm, er ist ja Vorarbeiter. Atze kommt aus Brandenburg, trägt unfreundliche Tätowierungen vom Steiß bis zur Glatze und regt sich gerne auf. Er schreit Robinson an. Er schreit Freitag an. Und letztens schrie er sogar den Buddhisten an, der unter mir wohnt. Das war kein Spaß, denn auch der Buddhist trägt Glatze und regt sich gerne auf. Der Buddhist kommt aus Grimma, hört gern Böhse Onkelz, und neben dem Buddha verehrt er Stalin und Eichmann. Deren Zitate bringt er zuweilen durcheinander.

Wenn er mal nicht in seinen orange eingefärbten NVA-Tarnklamotten breitbeinig durch unsere Straße patroulliert, hockt der Buddhist in einer der zahlreichen Kneipen und missioniert ahnungslose Touristen. Er redet dann betont sanftmütig von dem Buddha, der angeblich dies und jenes zur aktuellen Weltlage sagt und wartet auf Widerspruch. Sobald der Widerspruch endlich kommt, fängt der Buddhist an zu schreien und prügelt den Touristen aus der Kneipe.

Ob auch der Streit zwischen ihm und Atze in einer Prügelei mündete, kann ich nicht sagen. Ich hielt mir die Ohren zu, um nicht die Polizei rufen zu müssen. Ich wollte ja weder Atze noch dem Buddhisten das Leben retten. Man muss auch mal an sich denken. „Wo jeder lärmend sich einmengt, wird man niemals zur Vernunft kommen“, sagt schließlich der Buddha. Oder Stalin. Oder Eichmann.

Buddha never lived in hinterhöfen

Überlebt haben sie trotzdem, wie mir die über und über mit echter Scheiße verschmierten Baumaterialien am nächsten Tag unmissverständlich klar machten. Der Buddhist ist eben nicht nur weltanschaulich pervers.

Atze schrie ordentlich rum deswegen, bevor er mit Robinson einen saufen ging. Freitag blieb zurück, denn einer musste ja die Scheiße des Buddhisten entfernen. Es hätte ein ruhiger Tag werden können, doch die Fickifickis mögen keine ruhigen Tage. Vielleicht ist es bei ihnen so, wie man es sich von den New Yorkern erzählt. Die bespielen angeblich ihren I-Pod mit Großstadtlärm, wenn sie ins Grüne fahren, weil sie ohne den nicht schlafen können.

Leider haben es die Fickifickis versäumt, sich Favela-Geräusche auf ihre I-Pods zu spielen, bevor sie hier einzogen und sind daher auf Live-Performance angewiesen, wenn die Baustelle schweigt. Sie schwieg diesmal lang, weshalb es den gesamten Fickificki-Clan benötigte, um ihren heimeligen Geräuschpegel herzustellen.

In einer Wohnung vergnügten sie sich mit fliegenden Tellern und verschiedenen Spielarten häuslicher Gewalt, in der zweiten eröffneten sie eine Samba-Disco und in der dritten wurden sie ihrem Spitznamen gerecht. Dazu versammelte sich die Kinderschar der Fickifickis im Hof, um mit dem bereits von Buddhistenscheiße gereingten Teil des Baumaterials fröhlich auf die Mülltonnen einzuschlagen. Ein wahres Fest.

Ich war beinah froh, als ich am nächsten Morgen vom Lärm des Schlagbohrers und Atzes Geschrei geweckt wurde. Aber die Freude sollte nicht lang währen, und das lag an unserem neuen Hausbesitzer.

Der Mann ist ein kreuzberger Achtundsechziger, was einige Nachteile mit sich bringt. So schämt er sich wohl für seine Arschlöchrigkeit uns Altmietern gegenüber, weshalb er uns weder grüßt noch irgendwie mit uns kommuniziert. Er ist sozusagen ein Fleischesser der dem Schlachtvieh nicht in die Augen gucken kann. Dafür hat er einen Schlachter – also Anwalt – aus Wilmersdorf, der mal Pressesprecher einer liberalen Partei war und von Abmahnungen für illegale Downloads lebt.

Außerdem hat der neue Hausbesitzer einfach nicht genug Geld, es langt nicht mal für Atze, Robinson und Freitag.

Den ersten Hinweis darauf brachte eine Mietspiegelangleichung des Wilmersdorfer Anwalts, aus der wir erfuhren, dass unsere Wohnungen über Sammelheizung, Doppelglasfenster und geflieste Badezimmer verfügen. Und wir Idioten haben immer in der Küche geduscht, die Fenster mit Schafsfellen verhängt und Kohlen in den vierten Stock geschleppt!

Zwei Tage später der nächste Hinweis auf finanzielle Sorgen des Vermieters – Atze schreit ins Handy: „Wenn du nicht morgen mit 700 Euro in bar hier stehst, reiß ich die Mauer wieder ein und schmeiß das ganze Werkzeug vom Gerüst!“

Und eine Woche später der finale Hinweis – Atze: „Jetzt reichts mir, du Wichser! Bau deinen Scheiß alleine! Wir lassen uns doch nicht verarschen! Hier, nimm das! Und das!“ Werkzeuge und Steine fliegen vom Gerüst. Klirrende Scheiben in der Hofeinfahrt. Abgang Atze und Robinson.

Einzig Freitag bleibt zurück, denn Leibeigene kriegen ja eh kein Geld.

In den folgenden Tagen fährt er morgens mit dem Gerüstfahrstuhl aufs Dach und blickt bis zum Abend traurig übers Häusermeer, auf der Suche nach Robinson. Zum ersten Mal seit Monaten legt sich Stille über den Hinterhof. Selbst die Fickifickis schweigen. Vermutlich ist ihnen klar, dass es von jetzt an sehr viele Stunden geben wird, die akustisch zu füllen sind, und sie erarbeiten einen Schichtplan. Auch Fickifickis müssen ja mal schlafen. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wilmersdorfer Anwalt gemacht.

Inwieweit Abmahnungen für illegale Downloads für die Pleite des alten neuen Hausbesitzers mitverantwortlich waren, weiß ich nicht, aber neuer neuer Hausbesitzer ist jetzt der Wilmersdorfer Anwalt. Und weil der keine südamerikanische Gattin hat, müssen die Fickifickis jetzt arbeiten gehen. Man hört sie nur noch, wenn man am Alex aus der U-Bahn steigt. Keine Orgasmen mehr, nur Samba-Getrommel in artgerechter U-Bahn-Haltung.

Im Hinterhof macht sich Hoffnung breit.

„Jetzt kommt endlich ein ordentlicher Bautrupp, und das blöde Penthouse ist zum Winter fertig“, sagen die einen. Die anderen träumen von Komplettsanierung, fünfstelligen Abfindungen oder schicken Umsetzwohnungen. Aber: „Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt“, sagt der Buddha. Oder Stalin. Oder Eichmann.

Schon nach wenigen Tagen sind die neuen Bauarbeiter da: Drei Weißrussen mit unfreundlichen Tätowierungen vom Steiß bis zur Glatze. Sie beginnen den Arbeitstag mit einem Fläschchen Wodka, pissen johlend vom Dach, beschallen der Hinterhof mit unfreundlicher weissrussischer E-Gitarrenmusik und lassen Freitag kopfüber vom Gerüst hängen, um ihm die Hackordnung klar zu machen.

Diskursversuche unseres Buddhisten scheitern an der Sprachbarriere. Er ist so sauer, dass es fünf vermöbelte Touristen braucht, um ihm seinen inneren Frieden zurückzugeben.

Und innerer Frieden ist wichtig, ganz egal ob das der Buddha gesagt hat, Stalin oder Eichmann. Denn draußen bohrt, schreit und hämmert es, als gelte es den Turm von Babel noch vor dem Winter fertig zu kriegen, und doch ist nicht der geringste Fortschritt zu sehen.

Vielleicht gibt es noch Hoffnung, dachte ich, als ich gestern Abend den Buddhisten mit dem Wilmersdorfer Anwalt im Hausflur über den Buddha diskutieren hörte. Aber vielleicht sollte man irgendwann auch einfach aufgeben. Gentrifidingsbums hin oder her: „Der Mensch ist kein Baum. Wenn er am falschen Platz steht, sollte er sich einen anderen suchen“, sagt jedenfalls der Buddha. Oder Stalin. Oder Eichmann.

Markus Liske

 

Bookmark and Share

Der Osten und die Kosten

Eine Sammlung: “Kaltland”

Nachdem die Mauer in Berlin offen und die Mülleimer im Osten mit Bananenschalen überfüllt waren, als das Begrüßungsgeld ausgegeben und die ersten DDR-Firmen zerschlagen waren, begann der rassistische Terror, der dazu führte, dass eine offizielle Reisewarnung des US-Außenministeriums für etliche Teile Deutschlands ausgerufen wurde. Skinheads fuhren mit gestrecktem Arm durchs Dorf und brave Bürger bauten Grillbuden zwischen Wasserwerfern auf, feierten Pogrome wie Volksfeste. An diese Doppel-Wendezeit erinnern 42 Autoren, darunter die Lesebühnen-Autoren Ahne und Jakob Hein, Schorsch Kamerun (Sänger von “Die Goldenen Zitronen”), SPIEGEL-Autor Alexander Osang, oder Titanic-Politiker Martin Sonneborn (“Die Partei”).

Krampitz, Liske, Präkels (Herausgeber): “Kaltland – Eine Sammlung”, Rotbuch, 288 Seiten, 14,95 Euro.

Und dann steht irgendwo dieser Satz von Autor Heiner Müller: “Die Arbeitslosigkeit geht durchs Land als ein neues Regime der Furcht, das keine Stasi braucht, um die Menschen einzuschüchtern.” Dass “Kaltland” diese Aussage nun nicht als Entschuldigung nimmt, sondern sie nur als einen winzigen Mosaikstein hinzufügt, in die Stimmungsschilderungen jener Tage, ist eines von vielen guten Momenten dieses wütenden Sammelbandes.

Von Jan Drees

Bookmark and Share

Lied der Barfrau

Ick kenne ditt Streben von unten nach oben
ick hab mir verbogen, ick hab mir jedehnt
Die oben war´n immer in schicken Garderoben
und ick hinterm Tresen hab mir nach gesehnt

Ick kenne dit Fallen von oben nach unten
dit hab ick aus ihren Jesichtern jelernt
Die een zum vajessen, die andern fürn bunten
und manch eener hat sich für imma entfernt

Wenn sich Dunkelheit kalt in die Straßenschlucht legt
kehrt still der erste Kunde hier ein
wenn die Sehnsucht durch staubige Wohnzimmer fegt
komm´ se um nich mehr alleene zu sein
und starrn ´se mir an
und bleib´n ´se janz stumm
da tröst´ ick sie dann
und weeß nich warum

Die seltsamsten Wesen war´n hier schon am Tresen
und haben sich mächtig die Rüben betankt
Erzählten ihr Leben und blieben hier kleben
und sind erst am Morgen nach Hause jewankt

Ick kenne die Träume, die wachen, die müden
Ick kenn die Jesichter der Bierdeckeldichter
Die jammern und klagen und streiten um Spesen
ick lächel und tu so als sei nüscht jewesen

Wenn sich Dunkelheit kalt in die Straßenschlucht legt
kehrt still der erste Kunde hier ein
wenn die Sehnsucht durch staubige Wohnzimmer fegt
komm´ se um nich mehr alleene zu sein
und starrn ´se mir an
und bleib´n ´se janz stumm
da tröst´ ick sie dann
und weeß nich warum

© MP 2001

Bookmark and Share

Older Posts »